Dies ist alles einmal passiert,
und es wird alles wieder passieren...
Märchenanfang
Mit den ersten Gutenachtgeschichten lernen wir das abwechselnde Vergnügen von Neuheit und Vertrautheit kennen. Abenteuerliche Figuren und Ereignisse erschließen uns neue Verhältnisse und Erfahrungen. Aber nicht zu ungewöhnlich darf die Geschichte werden! Als Kind will man oft gar keine neue, sondern lieber noch einmal die alte, bekannte Geschichte, an deren befriedigendes Ende man sich erinnert, hören, entspannt sich dabei und schläft – alle Ängste, Zwiespälte und Enttäuschungen des Alltagslebens aufgehoben, alle Herzenswünsche sicher erfüllt wissend – friedlich ein.
Die frühe Neigung zur immer gleichen Geschichte geht nie ganz verloren. Nur dass ältere Kinder und Erwachsene nicht mehr buchstäblich dasselbe erzählt bekommen möchten, sondern mehr vom gleichen: ähnliche Handlungen, die zuverlässig erfüllen, was man von ihnen erwartet. So entstehen Genres, anfangs fast unbemerkt. Erst mit der Zeit werden sich Autor oder Publikum der gemeinsamen Grundlange bewusst. Das Publikum schätzt die Sicherheit der vertrauten Form, versteht sich im voraus auf deren mögliche Inhalte und genießt die Einzelheiten der Ausführung. Der Autor verfügt über ein zuverlässiges Herstellungsschema und kann seine Erfindungskraft in die Steigerung vorgezeichneter Wirkungen stecken.
Die Güteklasse eines Unterhaltungsautors hängt nach wie vor von seiner Fähigkeit ab, etwas überraschend Neues zu schaffen, ohne die Regeln des Genres zu verletzen, in dem er schreibt. Dafür hat er zwei Möglichkeiten: den vorgezeichneten Figuren frisches Leben einzuhauchen oder im Hinblick auf Handlung/Schauplatz mit etwas noch nie Dagewesenem, einem „Harry Potter“, zu kommen.
Vorgezeichnete Figuren lassen sich auf zweierlei Weise auffrischen: durch Gegensatz oder Vertiefung.
Gegensatz: Eine Figur erhält Eigenschaften, die ihrem vorgezeichneten Hauptzug widerstreben.
Sherlock Holmes z.B. ist der Inbegriff des kühlen, wissenschaftlich vorgehenden Gehirnmenschen – zugleich aber auch Romantiker, der sich von seiner Intuition leiten lässt, Rauschgift nimmt und stundenlang Violine spielt.
Gary Cooper spielte einen zu Gewalt neigenden Westernhelden – der zugleich schüchtern und höflich war.
Vertiefung: Eine vorgezeichnete Figur wird menschlicher – vielfältiger oder zerbrechlicher – gemacht. Ohne dadurch den Rahmen sprengen zu dürfen. Geschichten, deren Figuren und Verhältnisse zu beziehungsreich sind für das Genre, dem sie entstammen, und dabei doch nicht charakteristisch genug, um eine eigene Struktur zu bilden, scheitern kläglich. So darf der Sheriff von Tombstone in einem Damenkränzchen nach Kirchschluss das Tanzbein schwingen müssen, darüber aber nie außer Stand geraten, seine Revolver zu ziehen.
In ähnlicher Weise – durch Frische und Angepasstheit – beeindrucken auch Handlung oder Schauplatz eines überdurchschnittlichen Genrestoffes. Denn Unterhaltung und Kunst unterscheiden sich dadurch, dass „ernsten“ Filmen an einer Darstellung universeller Charaktere und Verhältnisse liegt, während Schablonenstoffe am erfolgreichsten sind, wenn ihnen etwas Einmaliges gelingt. Gerade weil die Genres soviel vorschreiben, schätzt man bei ihrer Verwirklichung das Unverwechselbare. Was niemals Bruch der Regeln heißen darf. Ein Genrestück ist dann erfolgreich, wenn das innere Vergnügen der vorgezeichneten Erfahrung durch frische Bestandteile – originelle Schauplätze, Wendepunkte... – oder die persönliche Note eines Autors bereichert werden konnte. Falls die so ins Spiel gebrachte Abart sich durchsetzt, genauso nachgemacht wird, sind die Regeln des entsprechenden Genres erweitert worden.
Ein weiteres Merkmal der Genre-Erfahrung – neben grundsätzlicher Wiederholbarkeit – ist die Art, in der Reales erlebt wird. Nämlich weniger verwickelt und entsprechend bestimmten Bedürfnissen, etwa nach unbedingtem Sieg, sicherer Liebe oder Wahrheit. Statt Figuren oder Beweggründe so beziehungsreich und langwierig zu gestalten, wie sie alltäglich vorkommen, erregen und befriedigen die Genres lieber unvermittelt, indem sie uns spannen, in eine andere Wirklichkeit entführen und dort etwas anbieten, das man zu seiner Sache machen kann.
Spannung ist die vorübergehende Furcht und Unsicherheit, was das Geschick einer Figur betrifft, aus der man sich etwas macht. Am simpelsten per cliff hanger – ihr Leben ist bedroht, während die Rettungskräfte aufgehalten werden. Trotzdem wissen wir (immer), der Held wird überleben. Denn das ist Teil der Genreformel: hohe Erregung im Rahmen gesicherter Ergebnisse.
Jedes fiktionale Geschehen wird ferner dadurch überhaupt erst bedeutend, dass man zu ihm Stellung bezieht, also den Blickwinkel dieser oder jener betroffenen Figur einnimmt, deren Sache man dadurch zu seiner eigenen macht. Die meiste Gefühlswirkung einer Geschichte ginge verloren, wenn man seine Empfindungen und Erfahrungen nicht mit denen von Identifikationsfiguren verquicken würde. Deren Charaktere können dann vielfältig bis schlicht, nur auf eine Sache aus, sein.
Im Genre darf die Charaktertiefe einer Identifikationsfigur nicht der Zuschauerneigung, an Sieg und knappem Entkommen seines Helden genussvoll teilzuhaben, bedrohlich werden. Da hierzu ständig etwas los sein und gehandelt werden muss, dürfen Genrefiguren nicht durch zuviel Innenleben behindert sein. Ihre entsprechend einfältigere Persönlichkeit kommt dem entgegen, was der Zuschauer ohnehin an dem Vergnügen schätzt: die Reduzierung seines unübersichtlich-widersprüchlichen Alltags auf wenige dramatisch relevante Fragen. Ein einfacher, gefühlsgeladener Stil kennzeichnet danach solche Geschichten, die sich nicht in Ironien verzweigen oder mit seelischen Feinheiten aufhalten, sondern einen unmittelbar in die Handlungen ihrer Figuren ziehen.
Genre-Autoren, die Banalität und Widersprüchlichkeit des Zuschaueralltags in besonders vielfältiger, fein gefügter, auch näherer Betrachtung standhaltender Weise überwinden, werden am andauerndsten wahrgenommen. Dies gelingt hauptsächlich gut durch Schaffung und Ausmalung einer alternativen Wirklichkeit, die gerade weit genug von der Normalität entfernt ist, um deren Anforderungen nicht mehr erfüllen zu müssen.
Eintauchend in so eine andere Welt, entkommt auch der sonst kritischste Wahrnehmer sich selbst am mühelosesten in die Identifikation mit einem Genrehelden. Zu den erfolgreichsten Genre-Realisierungen gehören J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe und J. K. Rowlings Harry Potter-Serie. Beide haben eine alleinstehende Fantasiewelt geschaffen und deren einmalige Atmosphäre, wie viele erfolgreiche Unterhaltungsautoren vor ihnen, in liebevollen Einzelheiten ausgemalt.
Dass Sherlock Holmes oder Vom Winde verweht noch heute rezipiert werden, hat zweifellos mit der Fähigkeit ihrer Autoren zu tun, eine ganze Epoche im Publikum heraufzubeschwören. Obwohl diese Werke voll vorgezeichneter Figuren, unwahrscheinlicher Verhältnisse und überholter Werte sind, fesseln sie nachfolgende Generationen immer noch mit ihrer vollständigen, interessanten Werkwirklichkeit, die einer jeden Alltag überwindenden Identifikation wirkungsvollen Vorschub leitstet.
Genres funktionieren so – alles in allem – nicht unähnlich dem Fußball, indem sie wie einzelne Spiele nach einem Satz von Regeln stattfinden. Im immergleichen Rahmen liefern bestimmte Figuren und ihre Handlungen eine strukturierte Erregungs-, Spannungs- und Lösungserfahrung, die einen wie großer Fußball jedes Mal neu begeistern kann, egal wie oft gespielt wird. Beim Genre- wie beim Fußballerlebnis wird durch unmittelbare Konfliktlösung das Ichgefühl gesteigert und über Zwiespälte oder Versagungen, die einen sonst beschweren, vorübergehend hinausgelangt.
Überblickt man die Genres, die es gibt, springen einem verschiedene Familien ins Auge.
Die lauteste, sich überall vordrängende hat mit Heldentaten zu tun.
Eine andere schart sich um einen Jungen und ein Mädchen und die Geburt ihrer Liebe.
Der nächsten liegt an der Entdeckung eines Geheimnisses; selbst wenn Heldenmut und Liebe dabei eine Rolle spielen, bleibt am wichtigsten die Suche nach der Wahrheit.
Wieder eine andere fesselt uns durch die wirkliche Begegnung mit dem sonst nur Vorstellbaren: der Zukunft, Ungeheuern, wunderbaren Situationen.
Und schließlich gibt es noch eine Großfamilie von manchmal endlosen Fortsetzungsgeschichten, in denen Menschen alles nur Erdenkliche erwirken und durchmachen, um schließlich das zu bekommen, was sie sich damit eingehandelt haben.
Die bisher aufgezählten Familien – Action, Liebesgeschichten, Krimi, Science-fiction/Fantasy und Meldodrama – gehören wiederum zu einem Klan, dem der bedürfnisbefriedigenden Unterhaltungsgenres.
Daneben lebt ein nüchternerer Klan, die Dramen. Sie neigen dazu, einem mit den Grenzen der Wirklichkeit bekannt zu machen – über die man mit Hilfe ihrer Nachbarn gerne hinausfliegt in eine wohlgeordnetere Welt als die, die wir bewohnen. In der man stark und siegreich ist wie Actionhelden. In der jede Liebe ihre Erfüllung findet, jedes Geheimnis entdeckt und erklärt wird. In der man für das, was man durchgemacht hat, sicher belohnt – und für das, was man angestellt hat, auch bestraft wird.
Auf dem Berg gegenüber aber lebt ein letzter Klan, der die anderen mit Spott betrachtet, klein und lächerlich findet: die Komödie.
Die Mitglieder der unterschiedlichen Familien und Klans gehen Verbindungen ein und erzeugen viele Bastarde, deren Beschreibung den Hauptteil dieses Leitfadens ausmacht. Man findet eine/n immer in Nachbarschaft von Halb/-Brüdern oder -Schwestern und gerät so aus der Action- und Abenteuerfamilie über die Liebesromanzen zu allem, was mit der Aufklärung von Geheimnissen zu tun hat, gefolgt von Geschichten über fremde Wesen und Welten - bis zu den Melodramen. Dem schließt sich dann der Klan der Dramen an. Und zum Schluss wird alles noch einmal belächelt von den Komödien.
Die folgenden Beschreibungen wollen nichts beweisen, richten sich nicht an Wissenschaftler, sondern Film- und Fernsehschaffende, die sich bestimmter Möglichkeiten rückversichern oder von ihnen inspirieren lassen möchten.