Tankred Dorst-Drehbuchpreis für den Jahrgang 1999/00
1. Preis
Franziska Riemann Die Hunde sind schuld
In der Welt untergehender Realutopien und der Unwirklichkeit der Städte entwirft Franziska Riemann augenzwinkernd und mit sicherer Hand ein milieu- und dialogsicher skizziertes Szenario für eine charmante Realgroteske. Diese hat Herz, Humor und Bodenhaftung im Lebensalltag der sonderbar skurrilen, doch stets liebenswerten Protagonisten. Aus scheinbar lebenslänglich unablebbarer Symbiose mit Mutti erlösen Franziska Riemanns liebevolle Menschenkenntnis und dramatisches Talent die männliche Hauptfigur - den schüchternen Imbissbudenbesitzer, Eigenbrötler und Hundephobiker Engelbrecht. Dem macht ganz offenbar das Kindheitstrauma mit Muttis dominantem Bernhardiner zu schaffen. Ohne jedes psychologische Tamtam schreibt die Autorin das miniaturenhaft montierte Kunststück von Engelbrechts später Emanzipation zu einem guten Ende hin. Auf dem spannenden Wege dorthin konfrontiert die Autorin Engelbrechts Infantilität mit der drallen Mütterlichkeit der verwitweten Marlene Meiser in deren besten Jahren. Diese schmucke Hausmeisterin im Hinterhof von Engelbrechts Mietshaus verordnet Franziska Riemann ihrem sympathischen Helden als ebenso handfestes wie heilsames Therapeutikum. Marlenes Handicap indes - ihr Schoßhündchen, die niedliche Terrierdame Susi - stiftet reichlich Verwirrung. Auf bemerkenswerte Weise erinnern Franziska Riemanns in sich gebrochene Figuren an Charakterbilder in Elias Canettis Essays und Personenbeschreibungen. Ihre scheinbar stabilen Charaktere tragen stets die Chance zu Anderem, mitunter Höherem, ja vielleicht Lebensglück in sich. Im Warenhaus der Filmkomödien ist Franziska Riemanns Stoff eine Preziose - ihr Talent hierfür eine Rarität.
2. Preis (1. Hälfte)
Sylke Rene Meyer Wer ist Anna Walentynowicz?
Sylke Rene Meyer erzählt die wahre Geschichte von Anna Walentynowicz - der Vorzeigearbeiterin auf der Danziger Lenin-Werft, der kleinsten Kranführerin der Welt, einer Waise, die Mutter wird - einem Flüchtling, der Heimat findet - einer Analphabetin, die Geschichte schreibt. Über das Schicksal der unbekannten Gründerin der Gewerkschaft Solidarnosc entfaltet die Autorin einen faszinierenden Bilderbogen der achtziger Jahre im sozialistischen Polen vor der politischen Wende. In einer geschickten Vermischung biografischen Materials und Zeitgeschichte, von historischen Fakten und emotional fokussierter Geschichte nimmt Sylke Rene Meyers Hauptfigur durch elementare Vitalität, politischen Instinkt, Charakter und Haltung gefangen. In dem Maß, wie uns die Autorin Anna Walentynowicz ans Herz legt, öffnen sich die Augen für die kleinen und letztlich großen Hintergründe echter Weltgeschichte. Ähnlich wie in Eberhard Fechners Doku-Dramen verschmilzt in Sylke Rene Meyers hervorragend recherchiertem Stoff Lebensalltag und Zeitgeschichte.
2. Preis (2. Hälfte)
Christian Rendel Black Out
Christian Rendels dramaturgisch raffiniert verschränkter Psychothriller stellt sich zunächst als pures Kriminalstück vor. In einem faszinierend wechselnden Rollenspiel verwandelt der Autor den Auftrag des Berliner Privatdetektivs Carlos Perdona, das Verschwinden eines minderjährigen Mädchens aufzuklären, in eine paranoide Höllenfahrt des Protagonisten von zwingender Intensität. Die ausweglose Verstrickung Perdonas in Kriminalität und Schuld wird mit hermetischer Konsequenz erzählt. Den Blackout von Perdonas Erinnerung verdichtet der Autor mit szenischer und dialogischer Kraft zu einem Danteschen Inferno von archaischer Wucht. Das besondere Talent des Autors ist es, die Hülle des äußeren Dramas von Handlung und Personen zu durchbrechen. So werden in der Subtextur dieses mitreißenden Actionkinos existenziellere Kategorien von Schuld und Sühne ohne jedes moralische Lamento spürbar. Dass der Teufel in Gestalt des Bordell- und Nachtclubbesitzers Veit Lahan die Finger im Spiel hat, ist mehr als ein klassischer Verweis auf den schmalen Grat zwischen Liebe und Leid, Eros und Gewalt, Himmel und Hölle. In Perdonas Zeitreise jedenfalls scheint es Schlimmeres zu geben als die Hölle.
Jury: Tankred Dorst, Prof. Dr. Georg Feil (Colonia Media, Hochschule für Fernsehen und Film), Bettina Reitz (teamworxX), Dr. Gabriela Sperl (Bayerischer Rundfunk)