{"id":1062,"date":"2020-11-12T15:19:06","date_gmt":"2020-11-12T14:19:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/?p=1062"},"modified":"2020-11-13T08:38:51","modified_gmt":"2020-11-13T07:38:51","slug":"gustav-freytag-das-wesen-des-dramas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/2020\/11\/gustav-freytag-das-wesen-des-dramas\/","title":{"rendered":"GUSTAV FREYTAG: DAS WESEN DES DRAMAS"},"content":{"rendered":"<div class=\"wpb-content-wrapper\"><p>[vc_row][vc_column width=&#8220;1\/1&#8243;][vc_single_image media=&#8220;379&#8243; media_width_percent=&#8220;100&#8243;][vc_column_text][vc_custom_heading heading_semantic=&#8220;h5&#8243; text_size=&#8220;h5&#8243; text_font=&#8220;font-672269&#8243; text_weight=&#8220;300&#8243; text_transform=&#8220;uppercase&#8220; text_color=&#8220;color-dfgh&#8220;]TIPPS[\/vc_custom_heading][vc_custom_heading heading_semantic=&#8220;h1&#8243; text_size=&#8220;h1&#8243; text_font=&#8220;font-672269&#8243; text_weight=&#8220;300&#8243; text_color=&#8220;accent&#8220; separator=&#8220;yes&#8220; separator_color=&#8220;yes&#8220; separator_double=&#8220;yes&#8220;]GUSTAV FREYTAG[\/vc_custom_heading][\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row][vc_row][vc_column width=&#8220;1\/1&#8243;][vc_column_text]<\/p>\n<h1>DAS WESEN DES DRAMAS<\/h1>\n<p>Dramatisch sind diejenigen starken Seelenbewegungen, welche sich bis zum Willen und zum Tun verh\u00e4rten, und diejenigen Seelenbewegungen, welche durch ein Tun aufgeregt werden; also die innern Vorg\u00e4nge, welche der Mensch vom Aufleuchten einer Empfindung bis zu leidenschaftlichem Begehren und Handeln durchmacht, sowie die Einwirkungen, welche eigenes und fremdes Handeln in der Seele hervorbringt; also das Ausstr\u00f6men der Willenskraft aus dem tiefen Gem\u00fct nach der Au\u00dfenwelt und das Einstr\u00f6men bestimmender Einfl\u00fcsse aus der Au\u00dfenwelt in das Innere des Gem\u00fcts; also das Werden einer Tat und ihre Folgen auf das Gem\u00fct.<\/p>\n<p><em>Nicht<\/em> <em>dramatisch<\/em> ist die Aktion an sich und die leidenschaftliche Bewegung an sich. Nicht die Darstellung einer Leidenschaft an sich, sondern der Leidenschaft, welche zu einem Tun leitet, ist die Aufgabe der dramatischen Kunst; nicht die Darstellung einer Begebenheit an sich, sondern ihrer Einwirkung auf die Menschenseele ist Aufgabe der dramatischen Kunst. Ausf\u00fchrung leidenschaftlicher Seelenbewegungen als solcher ist Sache der Lyrik, Schilderung fesselnder Begebenheiten ist Aufgabe des Epos&#8230;<\/p>\n<p>Die dramatische Person soll menschliche Natur darstellen, nicht wie sie sich t\u00e4tig und gef\u00fchlvoll in ihrer Umgebung regt und spiegelt, sondern ein gro\u00dfartig und leidenschaftlich bewegtes Innere, welches danach ringt, sich in die Tat umzusetzen, Wesen und Tun anderer umgestaltend zu leiten. Der Mensch des Dramas soll in starker Befangenheit, Spannung und Wandlung erscheinen; vorzugsweise die Eigenschaften werden bei ihm in T\u00e4tigkeit dargestellt, welche im Kampf mit anderen Menschen zur Geltung kommen, Energie der Empfindung, Wucht der Willenskraft, Beschr\u00e4nktheit durch leidenschaftliches Begehren, gerade die Eigenschaften, welche den Charakter bilden und durch den Charakter verst\u00e4ndlich werden. Es geschieht also nicht ohne Grund, da\u00df die Kunstsprache kurzweg die Personen des Dramas <em>Charaktere<\/em> nennt.<\/p>\n<p>Die Art und Weise der dramatischen Charakterbildung durch die Dichter zeigt die gr\u00f6\u00dfte Mannigfaltigkeit. Sie ist zun\u00e4chst nach Zeiten und V\u00f6lkern verschieden. Sehr verschieden bei Romanen und Germanen. Das Behagen an charakterisierenden Einzelheiten ist von je bei den Germanen gr\u00f6\u00dfer gewesen, bei den Romanen gr\u00f6\u00dfer die Freude an der zweckvollen Gebundenheit der dargestellten Menschen durch eine kunstvoll verschlungene Handlung. Tiefer fa\u00dft der Deutsche seine Kunstgebilde, ein reicheres inneres Leben sucht er an ihnen zur Darstellung zu bringen, das Eigent\u00fcmliche, ja Absonderliche hat f\u00fcr ihn gro\u00dfen Reiz. Der Romane aber empfindet das Beschr\u00e4nkte des Einzelnen vorzugsweise vom Standpunkt der Konvenienz und Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, er macht die Gesellschaft, nicht wie der Deutsche das innere Leben des Helden, zum Mittelpunkt, ihn freut es, fertige Personen, oft nur mit fl\u00fcchtigem Umri\u00df der Charaktere, einander gegen\u00fcber zu stellen; ihre verschiedenen Tendenzen sind es, wodurch sie im Gegenspiel zu einander anziehend werden. Auch da, wo genaue Darstellung eines Charakters, wie bei Moli\u00e8re, die besondere Aufgabe ist, und wo die Einzelheiten der Charakteristik hohe Bewunderung abn\u00f6tigen, sind diese Charaktere, der Geizige, der Heuchler, meist innerlich fertig, sie stellen sich mit einer zuletzt erm\u00fcdenden Eint\u00f6nigkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Beziehungen vor, sie werden trotz der Vortrefflichkeit der Zeichnung unserer B\u00fchne immer fremder werden, weil ihnen das h\u00f6chste dramatische Leben fehlt, das Werden des Charakters. Wir wollen auf der B\u00fchne lieber erkennen, wie einer geizig wird, als wie er es ist.<\/p>\n<p>Was also dem Germanen die Seele f\u00fcllt, einen Stoff wert macht und zu sch\u00f6pferischer T\u00e4tigkeit reizt, ist vorzugsweise die eigenartige Charakterbewegung der Hauptfiguren, ihm gehen in schaffender Seele leicht zuerst die Charaktere auf, zu diesen erfindet er die Handlung, aus ihnen strahlt Farbe, Licht und W\u00e4rme auf die Nebenfiguren; den Romanen lockt st\u00e4rker die fesselnde Verbindung der Handlung, die Unterordnung des Einzelwesens unter den Zwang des Ganzen, die Spannung, die Intrige. Dieser Gegensatz ist alt, er dauert noch in der Gegenwart. Dem Deutschen wird es schwerer, zu den tief empfundenen Charakteren die Handlung aufzubauen, dem Romanen verschlingen sich leicht und anmutig die F\u00e4den derselben zu einem kunstvollen Gewebe. Diese Eigent\u00fcmlichkeit bedingt auch einen Unterschied in der Fruchtbarkeit und in dem Werte der Dramen. Die Literatur der Romanen hat wenig, was sie den h\u00f6chsten Leistungen des germanischen Geistes an die Seite setzen kann; aber den schw\u00e4cheren Talenten unseres Volkes gedeiht bei ihrer Anlage h\u00e4ufig kein brauchbares Theaterst\u00fcck. Einzelne Szenen, einzelne Personen erw\u00e4rmen und fesseln, dem Ganzen fehlt die saubere, spannende Ausf\u00fchrung. Den Fremden gelingt das Mittelgut besser; auch da, wo weder die dichterische Idee noch die Charaktere Anspruch auf dichterischen Wert haben, unterh\u00e4lt noch die kluge Erfindung der Intrige, die kunstvolle Verbindung der Personen zu bewegtem Leben. W\u00e4hrend bei den Germanen jenes h\u00f6chste Dramatische: das Durcharbeiten der Empfindung in der Seele bis zur Tat, seltener, aber dann wohl einmal mit unwiderstehlicher Kraft und Sch\u00f6nheit in der Kunst zutage kommt, findet sich bei den Romanen weit h\u00e4ufiger und fruchtbarer die zweite Eigenschaft des dramatischen Schaffens: die Erfindung des Gegenspiels, die wirkungsvolle Darstellung des Kampfes, welchen die Umgebung des Helden gegen die Beschr\u00e4nktheiten desselben f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Gustav Freytag <em>Die Technik des Dramas<\/em> (2. und 4. Kapitel)<\/strong>[\/vc_column_text][\/vc_column][\/vc_row]<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GUSTAV FREYTAG: DAS WESEN DES DRAMAS<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":383,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,42,47],"tags":[29,30,43,45,48],"class_list":["post-1062","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-knowhow","category-tools","tag-drehbuchwerkstatt","tag-muenchen","tag-knowhow","tag-drehbuch","tag-drama"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1062","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1062"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1062\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1063,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1062\/revisions\/1063"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/media\/383"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1062"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1062"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.drehbuchwerkstatt.de\/relaunch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1062"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}