Zusammenfassung der Vorlesung

 

Das Publikum möchte etwas besonderes erleben oder fühlen; die Gefühle des Zuschauers vor der Leinwand oder dem Bildschirm sind dabei dieselben wie gegenüber der Wirklichkeit.

 

Sechs Aspekte des Fühlens sind dabei für den Drehbuchautoren von Interesse:

 

 

Zum besonderen Genuss wird ein gelungener Film dadurch, dass viele auf die Zuschauer einströmenden Gefühle in eine große Erfüllung gebunden und dadurch von allen Schlacken unseres wirklichen (kunterbunten) Innenlebens gereinigt sind.

 

Ein dramatischer Stoff muss seinem Wesen nach eine Entwicklung, ein Werden gestalten. Bei der Wahrnehmung jedes Werdens wird unser Gefühlslauf einheitlich durch das Element der Spannung regiert: Was wird? Wie wird? Die alles beherrschende Einheit im Erleben des Zuschauers ist daher die Spannung auf den Ausgang.

 

Eine Entwicklung, überhaupt der ganze Gang der Welt, also das Stoffgebiet des Drehbuchautors, ist nichts anderes als ein ewiger, allgemeiner Kampf um Dasein und Macht. Jedes Werden ist eine engere Einheit in diesem Allkampf, also Kampf. Ein dramatischer Stoff kann daher nur ein Kampf sein.

 

Den Aspekt des künstlichen Außenkampfes teilt das spannende Erzählen mit Sport und Spiel. Nur im Drama kann man dagegen den Innenkampf seelischer (intellektueller, sittlicher, energetischer) Mächte miterleben. Jede Filmhandlung ist ein Kampf, entweder zwischen mehreren Willensträgern oder zwischen mehreren Bedürfnissen/Strebungen in einer Seele oder – am besten – beides zugleich.

 

Die höchste Einheit jedes Kampfes ist die Machtfrage: Wer ist der stärkere? Also ist auch die höchste dramatische Einheit die Machtfrage. Welche Neigung, welche Kraft, welcher Wille wird siegen? Die Machtfrage brennt zwischen den innerlich und äußerlich kämpfenden Parteien und zugleich im Zuschauer. Den Verlauf seiner Gefühle regiert dabei die Hauptspannung, die auf die Entscheidung der Machtfrage gerichtet ist. Die Geschichte geht los, indem die Machtfrage sich entzündet – und ist zu Ende, wenn diese erlischt. Und was weder direkt noch mittelbar ihrer Entscheidung dient, ist Schlacke in der dramatischen Dichtung.