DrehbuchWerkstatt München

Fortbildung zum Film- und Fernsehautoren an der HFF

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Journal München

Dezember 1991

Zwischen Aristoteles und Tutti Frutti

Die Drehbuchwerkstatt München

Von großen Hoffnungen und Wünschen wird sie begleitet; aber auch mit Forderungen und Mißtrauen konfrontiert: die Drehbuchwerkstatt München. Große Worte von der Zukunft guter Autoren sind seit Jahren zu hören, aber haben die aus 481 Anfragen gefilterten zehn Elite-Stipendiaten tatsächlich eine Chance gegen Tutti-Frutti-Einschaltquoten?

Kann man Drehbuchbuch schreiben überhaupt unterrichten? Die Drehbuchwerkstatt München weist im Geist eines Aristoteles nach, daß dem so ist. In der Tat gibt es für fast jede Kunst einen Ausbildungsgang. "Nur die europäischen Schriftsteller ziehen es vor, ihre Profession zu mystifizieren: Ein - falsch verstandenes - Erbe der Romantik mit ihrem Geniegedanken. Auch damals bemühte man sich, erzählerische Grundlagen zu systematisieren." Offensichtlich ist uns dieses Wissen, das einst auch Lessing, A.W. Schlegel oder Gustav Freytag zu vermitteln suchten, verlorengegangen, während es Amerika in den 'kreativen Schreibklassen' längst intensiv anwendet. Mit beachtlichen Ergebnissen übrigens.

Nun hat das wohl auch der staunende Europäer endlich erkannt: 1984 setzte sich - wie auch in Berlin und Hamburg - beim Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst die Erkenntnis durch, wie grundlegend wichtig gute Drehbücher sind und wie wenige es davon gibt. Ergebnis: Die Gründung der Drehbuchwerkstatt München, etabliert an der Hochschule für Fernsehen und Film, getragen und finanziert vom Freistaat Bayern und dem Bayerischen Rundfunk zu je 50 %. Im Mai 89 war's dann so weit: Für zehn Stipendiaten begann, mit 1300 Mark monatlich, die einjährige Ausbildung in Dramaturgie, Filmsprache, Film-Produktion und Medienrecht. Laut Susanne Schneider, einer inzwischen erfolgreich tätigen Autorin des ersten Jahrgangs, die optimale Möglichkeit, "das Handwerk des Drehbuchschreibens komprimiert und auf luxuriöse Art und Weise zu lernen ... Obwohl ich natürlich vorher auch schon schreiben konnte".

Schreiben können alleine genügt jedoch nicht, kein Mensch will die Drehbuch-Massen haben, die Jahr für Jahr produziert und wie Sauerbier angeboten werden. Bernd Eichinger (Neue Constantin) sagt, was schiefläuft: "Die eigentliche Arbeit am Drehbuch findet nicht statt. Wenn man hier zu einem Autor sagt 'Na gut schreib das', dann legt er Dir das hin. Dann liest man das und sagt: Naja, schon mal nicht schlecht, da können wir weitermachen. Dann sagt er meistens - und das ist kein Witz: 'Wieso weitermachen, das ist jetzt das, was ich geschrieben habe. Das meine ich schon so.' Dann sage ich: Das mag ja alles sein, trotzdem ist diese oder jene Szene überflüssig oder langweilig und bei diesen und jenen Szenen geht es überhaupt nicht weiter." Eichinger (Der Name der Rose) ist mit Auswahlgremien, Dramaturgen, Redakteuren einer Meinung: "Wenn im Drehbuch etwas nicht steht, wird es auch im Film nie passieren. Wenn das Drehbuch Lücken aufweist, Emotionen und Erzählbögen nicht stimmen oder nicht professionell ausgearbeitet sind, dann ist die Sache schon mal schlecht. Das Genie, der Funke kann nur zünden, wenn die Basis stimmt. Natürlich muß bei jedem Drehbuch etwas dazukommen, was die Sache spezifisch und außergewöhnlich macht, sonst könnte es ja jeder."

So weit, so gut. Das Schreib-Talent bedarf also der Ergänzung durch Technik; muß den Austausch von Information, folglich Reflexion und Fähigkeit zur Zusammenarbeit lernen (statt Nabelschau und Einsamkeit); braucht - ausschlaggebend wichtig für Autor und Markt - Kontakte, Kontakte, Kontakte. Und - es muß die Aufnahmekommission der Drehbuchwerkstatt überzeugen. Für viele Autoren ein weiteres Auswahlverfahren mit unbekannten Kriterien, dem sie mehrheitlich mißtrauisch gegenüberstehen.

Verständlich beim bloßen Betrachten der Zahlen: 1990/91 gab es in München 481 Anfragen, 111 Bewerbungen und 22 Kandidaten im Kolloquium; in Berlin 300 Bewerbungen und 30 Anhörungen. Dr. Gabriele Sperl, freie Dramaturgin beim Bayerischen Rundfunk, in der Auswahljury Berlin und nun auch in München dabei: "Ich dachte am Anfang auch, um Gottes Willen, wie soll man in einer Jury mit so unterschiedlichen Leuten auf einen Nenner kommen. Aber es ist unfaßlich, es stehen im Endeffekt bei der ersten Sitzung schon ungefähr vier Leute fest, die von allen gleich gewählt wurden. Über zwanzig wird dann noch diskutiert und über manche Stoffe streitet man sich auch. Im Gespräch merkt man dann sehr schnell, wenn jemand zwar gut präsentieren kann, aber keine filmischen Bilder und Vorstellungen hat, nicht weiß, wie die Figuren sich unterscheiden. Oder umgekehrt, wer wirklich gute Ideen übers Papier noch nicht rüber-bringen kann."

Auch für die Bewerbung bei der Drehbuchwerkstatt gilt im übrigen: sich bemerkbar machen und von der Masse abheben, auf gute Form achten, Klasse zeigen! Bei vielen Anträgen ist eine Halbherzigkeit spürbar, der zwangsläufig dann das folgt, wovor der Einreicher Angst hat: die Ablehnung.

Für die Erwählten geht es nun richtig los. Martin Thau, Studienleiter der Drehbuchwerkstatt und für die 'Grundausbildung' zuständig: "Die Studenten gehen zum Beispiel mit der Aufgabenstellung raus, eine Szene zu beobachten, sie zu beschreiben und dazu noch eine zweite zu erfinden. Anschließend wird vorgelesen und geraten, welche Szene die erfundene ist. Erstaunlich ist immer wieder, daß die realistische Geschichte sofort eindeutig erkannt wird, weil eben wirklich alle Details stimmen." Ein Aha-Erlebnis für die Autoren!

Theorie wird übrigens generell nicht überbewertet. Der Anspruch, mit erlernbaren Kunstgriffen ein perfektes Drehbuch schreiben zu können, ist irreal. Die Studenten arbeiten deshalb zu Hause an der Entwicklung eines eigenen Drehbuches. Jeder wird von einem professionellen Partner betreut. In regelmäßigen Abständen treffen sich alle im Münchner Plenum: zu Besprechungen und Diskussionen, zu Referaten international bekannter Spezialisten, zu Podiumsdiskussionen und Schreibübungen. Filmanalysen lehren den Aufbau eines Films, die Gleichberechtigung von Dialog, Geräusch und Bildgestaltung. Referate über Stoffbedürfnisse (TV-Serie und Film) gehören ebenso dazu wie Einblicke in Fernsehproduktionen, Hintergründe der Medienszene, Informationen zur künftigen Vertragsgestaltung. Der so ausgebildete Nachwuchs hat - und weckt - Erwartungen. Martin Thau: "Die Studenten von der Drehbuchwerkstatt haben Kontakte. Wenn ein Autor von uns kommt, dann ist er gewöhnt, sich auseinanderzusetzen. Das wissen Redakteure und Entscheidungsträger, die uns teilweise begleiten und genau beobachten. Das Wagnis, das sie ja auch finanziell eingehen müssen, wird begrenzt. Ein großer Vorteil der Drehbuchwerkstatt."

Die heutige Studenten-Generation hat mehrheitlich verinnerlicht, daß gewisse ökonomische Zwänge zu beachten sind. Dazu paßt die oft gestellte Frage "Was wollt Ihr denn, daß wir schreiben". Dr. Sperl hat aber die Erfahrung gemacht, daß junge Autoren durch Vorgaben nur verheizt werden und unheimlichen Schrott fabrizieren.

Wo also liegt die Zukunft der Autoren, von denen einerseits die Fähigkeit zum 'Erzählen von Geschichten über Gefühle', andererseits das Erkennen ökonomischer Zwänge verlangt wird? Vermutlich wird eine Möglichkeit darin bestehen, daß Pools gebildet werden, in denen viele Autoren sich zusammenschließen und ergänzen. Noch einmal Bernd Eichinger: "In den dreißiger und vierziger Jahren, als Billy Wilder's köstliche Filme entstanden, wurden zehn, fünfzehn Drehbuchfassungen geschrieben. Die haben ihre Autorenteams freiwillig ausgewechselt und Kollegen Szenen gegeben, weil sie nicht mehr weiterkamen. Das war gang und gäbe und hat eine gleichbleibende, durchgehende Qualität gewährleistet." Dieser Rückblick in die 'gute alte Hollywood-Zeit' ist allerdings reinste Zukunftsmusik. Bei uns wurstelt noch jeder vor sich hin, obschon bereits einige es wagen, über die eigene Nasenspitze hinauszublinzeln. Die aber bewegen sich offensichtlich nur in ihrem eigenen Kreis. Dr. Georg Feil, Programmchef und Leiter der Serienabteilung bei der Bavaria: "Mehreren Leuten habe ich empfohlen 'Macht doch eine Script-Agentur auf, macht euch kompetent und läßt uns das spüren.' Das ist eine gigantische Marktlücke." Darüber wird auch in Berlin diskutiert. Dr. Sperl: "Wir müßten dahin kommen, daß eine Koordination entsteht. Wir sprechen übrigens in unseren Gremien oft darüber. In Berlin bauen sich Berührungsängste zwischen ARD und ZDF ab; das Feindbild bröckelt. Wir haben schon mal gemeinsam überlegt, welcher Stoff in welcher Anstalt am besten produziert werden kann."

Auch an der Münchner Filmhochschule wurde eine Abteilung "Produktion und Medienwirtschaft" unter der Leitung von Professor Klaus Keil geschaffen. Zuständig für praxisorientierte Produktionsarbeit von Drehbuch bis Film-Endabnahme. Nochmal zur Drehbuchwerkstatt: Susanne Schneiders Fernsehspiel "Fremde liebe Fremde" wurde am 18. September im Ersten gesendet. Die Produktion kam durch einen "kleinen Pool" zustande. Schon das Treatment habe der Mann der Tutorin Dorothee Schön, Regisseur Jürgen Bretzinger, gleich gelesen und gut gefunden. Über diesen Kontakt ging es weiter zum BR. Peter Löscher, Dramaturg der Redaktion Fernsehspiel: "Das war das allerbeste Drehbuch, das es in dieser Saison gegeben hat und über die 14 % Einschaltquote sind wir - beim Betrachten der heutigen Medienlandschaft -nicht unglücklich." Für Susanne Schneider kam der Stein ins Rollen und rollt immer weiter. 'Thea und Ned' wird im Frühjahr/Sommer vom ZDF gesendet, ein Drehbuchauftrag zu "Hölderlin" vom SWF wartet. Dem normalen Leidensweg eines Autoren entspricht das allerdings in keinster Weise. Thau: "Fünf Jahre Brot-Arbeit ist das mindeste. Albert Sandner konnte jetzt, nach sechzig (!) Büchern seine erste Serie ("Russige Zeiten", ARD 93) plazieren. Alle Leute, die bekannt geworden sind, haben sehr, sehr viel gearbeitet! Es dauert und siebrauchen oft Jahre, bis sie sich entwickeln." Sandner selbst sieht das übrigens absolut positiv. Er glaubt, daß nur die Summe der langjährigen Erfahrung zu seinen heutigen Möglichkeiten geführt hat.

Nach Thaus Theorie hätten es die begabten Autoren viel leichter, wenn sie durch das Abitur nicht so 'verhirnt und verklemmt' wären. "Bildliche Vorstellungskraft ist angstbesetzt, wird von den Studenten als kitschig bezeichnet. Poetischer Ausdruck in der Schule wird nicht belohnt. Ich glaube, die ohne Abitur wären die richtigen Leute. Im Moment studiert bei uns der Werkzeugmacher Ljubisa Ristic. Der ist sofort aufgefallen und schreibt an einem 'Tatort'."

Können wir uns tatsächlich nicht mehr einlassen, unser ursprünglich vorhandenes Potential nutzen? Wer's noch kann, ist damit gegen Enttäuschungen nicht gefeit: Große Begabungen und Stoffe werden so manches Mal nicht erkannt. Berühmte Fehlentscheidungen trotz des perfekten Agentensystems, wie die Ablehnung von "E.T." durch Columbia oder "Indiana Jones" (wollte außer Paramount niemand) ängstigen Hollywood noch heute. "Der mit dem Wolf tanzt" ist das jüngste Beispiel. Den Autor Michael Blake hielt man für verrückt. Bis Kevin Costner kam...

Oder ein weiterer Welterfolg: "Der Club der toten Dichter". Tom Schulman erhielt für diesen 'Erstling', nachdem seine vielen früheren Drehbücher keinerlei Beachtung gefunden hatten, einen 'Oscar'. Und natürlich neue Aufträge (gerade im Kino: "Was ist mit Bob ?"). Die Frage von Henrik Meyer, Student an der Münchner Filmhochschule, „Woran mißt man einen guten Stoff?' wird wohl offen bleiben. Oder wissen Sie es? Von Margit Preiss

 

 

Hochschule für Fernsehen und Film