1. September 1990 Zum Drehbuchschreiben gehört nicht nur Begabung, sondern auch handwerkliches Können. Wenn es an der Ausführung hapert, verhilft auch die beste Idee einem Script nicht zum Erfolg. In den USA wird der Nachwuchs in Drehbuchklassen geschult, hierzulande beschränkt sich die Drehbuchförderung in der Regel auf die Stoffe. Inzwischen gibt es aber einige Projekte, die neue Wege eröffnen. Die Drehbuchwerkstätten in Berlin und München haben sich eine systematische Ausbildung in Theorie und Praxis zum Ziel gesetzt. Und beim ZDF werden jetzt erstmals Nachwuchstalente intern zu Serienautoren fortgebildet.Modelle der Autorenförderung
Talent allein reicht nicht aus
Es sei wirklich paradox, findet Jürgen Kasten, wenn die FFA nicht mehr Filme als ein Minifilmland wie Niedersachsen fördert. Bisher können die Mittel für die bundesdeutsche Drehbuchförderung nur „als Tropfen auf den heißen Stein" gesehen werden. Einschließlich der regionalen Subventionen stehen jährlich rund 1,3 Mio. DM zur Verfügung. Knapp die Hälfte davon kommt aus Bayern. Als 1986 bei der Novellierung des Filmförderungsgesetzes diskutiert wurde, die Drehbuchförderung ganz zu streichen, gingen die Autoren auf die Barrikaden. Ihr Widerstand wirkte sich in der Verstärkung der regionalen Fördermaßnahmen aus. Seit 1986 besteht auch die bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Drehbuchautoren, die sich um die Verbesserung der Position des Autors (Mitspracherecht, Urheberrecht etc.) bemüht. Auch Fortbildungsseminare gehören zum Programm. So wird z. B. am 5./6. Oktober in München ein Symposium mit dem Titel „Nahaufnahme - Der Drehbuchautor in Urheberrecht, Filmtheorie und Filmpublizistik" veranstaltet.
Die Arbeitsgemeinschaft der Drehbuchautoren ist Träger der 1986 gegründeten Drehbuchwerkstatt in Berlin, die jährlich zehn Stipendiaten über acht Monate hinweg bei der Entwicklung von Drehbüchern betreut und anleitet. In kleinen Gruppen von drei bis vier Leuten diskutieren die Autoren mit Tutoren aus der deutschen Film- und Fernsehszene über ihre Entwürfe und tauschen später im Plenum ihre Erfahrungen aus. Zur Stoffbesprechung werden auch Redakteure aus den Fernsehanstalten hinzugezogen, schließlich sind die Sender später einmal potentielle Abnehmer der Drehbücher. Spezielle Seminare, die von erfahrenen Drehbuchautoren geleitet werden, vermitteln das „handwerkliche" Rüstzeug: Die Dialogführung will gelernt sein und vor allem - der Spannungsbogen muß stimmen. Am Ende soll ein produktionsreifes Drehbuch für einen Kino- oder Fernsehfilm stehen und die Erkenntnis, daß Drehbuchschreiben „Handwerk und Begabung verlangt", wie Projektleiterin Regina Werner betont. Talent allein reicht eben nicht aus.
Nachdem die Ausschreibungsbedingungen im zweiten Jahr verändert worden sind – die Altersgrenze wurde auf 35 Jahre herabgesetzt, außerdem können nur noch Originalideen eingereicht werden - reduzierte sich die Zahl der Bewerber von 650 Interessenten im ersten Jahr auf jetzt 200 bis 300 Bewerbungen pro Jahrgang. Die Jury (Dramaturgen, Produzenten und Redakteure) muß davon zehn Nachwuchstalente auswählen, die ein Stipendium in Höhe von 2000 DM monatlich erhalten. Die Finanzierung hat der Berliner Senat für kulturelle Angelegenheiten übernommen. Allerdings muß das Projekt jedes Jahr neu genehmigt werden. Existenzangst bleibt den Berlinern also nicht erspart.
Die Bewährungsprobe scheint die Drehbuchwerkstatt jedenfalls bestanden zu haben. Über 50 Prozent der ehemaligen Stipendiaten arbeiten inzwischen im Beruf des Drehbuchautors. 1988 haben Oliver Schütte und Peter Kramm sogar den Bundesfilmpreis für ihr 1986 in der Werkstattin der Werkstatt entwickeltes Drehbuch „Koan“ gewonnen. Demnächst wird der Kriminalstoff über die Geschichte eines Clowns unter dem Titel „Der lachende Tod" als Kinofilm produziert (Royal Filmproduktion, Regie: Carl Schenkel). Auch wenn Schütte und Kramm vielleicht Ausnahmefälle sind, hat das seit 1989 auch in München realisierte Konzept einer Drehbuchwerkstatt eine offensichtliche „Marktlücke" gefüllt. Drehbuchautoren sind in der Bundesrepublik immer noch überwiegend auf das „Do it yourself'-Prinzip angewiesen. Es mangelt an Ausbildungsstätten, die gezielt den Nachwuchs fördern. Die Fördermaßnahmen gelten den Stoffen und nicht der Aus- und Fortbildung von Autoren. Seitdem der Autorenfilm nicht mehr die deutsche Filmlandschaft dominiert, gibt es ein offensichtliches Manko an Autoren, die nicht gleichzeitig Regie führen. Das Bewußtsein für den Stand des Drehbuchautors ist inzwischen gewachsen. Dramaturgische Schwächen können eben nicht immer im „Do it yourself" Verfahren ausgebügelt werden. Der Schriftsteller Hans Herbst, einer der Stipendiaten dem ersten Jahrgang der Münchener Drehbuchwerkstatt, hat diese Erfahrungen erst sammeln müssen: „Das Drehbuchschreiben ist eine ganz neue Welt. Man schreibt weniger aus dem Bauch raus, sondern muß dazu eisenhart Handwerk lernen. Die Drehbuchwerkstatt kann das leisten." Hilfe zur Selbsthilfe geben
So wie das Programm haben sich inzwischen auch die Aufnahmebedingungen geändert. Die Bewerber, die bereits journalistische oder schriftstellerische Erfahrungen mitbringen sollen, müssen jetzt ihr Talent durch die Lösung bestimmter Aufgaben unter Beweis stellen (z. B. Szene nach vorgegebener Konstellation entwerfen). Inwiefern Talent und Ausbildung in der Werkstatt dann wirklich zum Erfolg führen, ist in München noch nicht abzusehen. Eckart Schmidt rechnet damit, daß für etwa 50 % der Drehbücher konkrete Chancen bestehen, verfilmt zu werden. Über die Tutoren können die Stipendiaten jetzt leichter Kontakte zu Fernsehanstalten und Produktionsfirmen knüpfen. Die eingereichten eingereichten Skripte werden zumindest gelesen, das Interesse der Redakteure und Produzenten an Werkstattabsolventen wächst.
Die Trägerschaft hat in München die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk und dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (Filmförderungsprogramm) übernommen. Der BR und das Ministerium teilen sich die Kosten, die HFF stellt die Räume zur Verfügung. Als 1984 das Münchener Projekt erstmals diskutiert wurde, war auch noch das ZDF dabei, das dann aber einen Rückzieher machte. Der Mainzer Sender startete dieses Jahr ein eigenes „Pilotprojekt": die Förderung von derzeit fünf Serienautoren im Rahmen eines Volontariates mit entsprechendem Volontärsgehalt. Durch die Teilnahme an Redaktion und Produktion sollen die Nach wuchstalente das praktische Umfeld ihrer Arbeit kennenlernen. Schreiben, was ankommt Auf die Frage nach den Anforderungen und dem Ausbildungsziel antwortet ZDF-Redakteur Claus Beling, einer der fünf verantwortlichen Tutoren: „Entscheidend ist die Fähigkeit, in einem Gesamtkonzept auch Serien entwickeln zu können." Peter Zeuner, Produktionsleiter im Bereich Aus- und Fortbildung, bringt die Sache auf den Punkt: Die neuen Volontäre sollten lernen, „wie man etwas schreibt, was zur Zeit ankommt". Innerhalb eines Jahres durchlaufen die Autoren drei Ausbildungsphasen: Redaktion (Stoffauswahl, Drehbuchgespräche etc.), Produktion und zum Schluß wieder die Rückkehr in die Redaktion, um einen sendefähigen Stoff zu entwickeln. Während der ganzen Zeit übernimmt ein Tutor die Rolle des persönlichen Betreuers und Ratgebers. Am Ende des Jahres steht vermutlich die Erfahrung, was es heißt, sich redaktionellen Bedürfnissen und Produktionsbedingungen unterwerfen zu müssen. Während der Produktionshospitanz, so Beling, werden die Nachwuchsautoren z. B. damit konfrontiert, daß das „Drehbuch niemals eine Bibel" sei. Bleibt zu fragen, ob die Kreativität bei diesem Modell der Autorenförderung nicht etwas auf der Strecke bleibt. Wird der „Schreibtischtäter" auf diesem Weg zum anpassungsfähigen Realisten umerzogen? „Was wir hier brauchen, hat sehr viel mit Serienhandwerk zu tun", recht -fertigt Beling das Ausbildungskonzept. Besonders im Bereich der Serie fehlt der Nachwuchs. Erfahrene Serienspezialisten wie Herbert Reinecker, Herbert Lichtenfeld oder Felix Huby, die wissen, „was zur Zeit ankommt", können schwerlich alleine den steigenden Serienbedarf decken. Bettina Pregel


