DrehbuchWerkstatt München

Fortbildung zum Film- und Fernsehautoren an der HFF

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Der Tagesspiegel

Kann man Schriftstellern lernen?

"Creative Wrting" Studiengänge in den USA

7. Januar 1990

Mit dem ersten Absatz ihrer Kurzgeschichte landet Sarah, eine eher unscheinbare Rothaa rige mit rundem Gesicht, einen Lacherfolg.Hör zu, Süßer, ohne Kondom läuft hier gar nichts", sagt da die selbstbewußte Studentin zum lüsternen Professor und streckt ihm gleich ihre schicke Kondombox mit den japanischen Markenexemplaren hin, nach Farbe, Geschmack und Dicke geordnet.

Die anderen Teilnehmer des Undergraduate Fiction Writing Workshops an der kalifornischen Stanford Universität, zwischen 18 und 22 Jahre alt und aus allen Fachbereichen bunt zusammengewürfelt, kommen bei Sarahs Geschichte aus dem Lachen nicht mehr heraus. Als die forsche Titelheidin schließlich ihrem Professor den Laufpaß gibt und ihm gar die eigene Frau ausspannt, ist die Begeisterung groß, aber auch die Kritik.

Fritz aus Fresno findet vielleicht weil ich aus Fresno bin" - bestimmte Stellen der Geschichte zu obszön. Gwen ist die Aussage nicht feministisch genug: Wenn Eileen schon eine lesbische Beziehung eingeht, warum dann gerade mit der Frau des Professors (die Wahl der Partnerin ist doch somit über einen Mann definiert)? Chris und Raphael wenden das kritische Handwerkszeug an, das sie in den letzten Wochen hier erlernt haben: Könnte man nicht diese Andeutung zu einer Szene entwickeln und stattdessen jene Szene kürzen, würde das nicht einen besseren Spannungsbogen ergeben? Wie wäre es, wenn sie mit einer anderen Szene enden würde? Wäre es vielleicht besser, die Passagen mit indirekter Rede in Dialoge zu verwandeln? Ob es nicht ein Perspektivbruch sei, wenn sie eine Partyplötzlich aus der Sicht des Professors und nicht Eileens beschreibe?

Das Handwerkszeug, das sich deutsche Literaturstudenten in Theorieseminaren und dicken Wälzern mühevoll erarbeiten, fließt den Stan forder freshmen und sophomores mit erstaunlicher Leichtigkeit von den Lippen: Was etwa die Ich-Perspektive in einer Geschichte leistet und wo ihre Grenzen bestehen, wie lang ein Rückblick sein darf, um nicht den Fluß der Geschichte zu unterbrechen, wie man Hintergrundinformationen unauffällig einfließen lassen kann oder Charaktereigenschaften einer Person aus ihren Handlungen heraus entwickelt, statt sie umständlich zu beschreiben, das alles brauchen sie nicht irendwo nachzulesen, sie haben es an ihren eigenen Geschichten und denen ihrer Kommilitonen längst praktisch vor Augen geführt bekommen.

Jeder von ihnen hat im Laufe des dreimonatigen Kurses drei Kurzgeschichten geschrieben, zum Teil nach Vorgaben des Professors (schreibe eine Geschichte, die nur aus Dialogen besteht! über einen Einbrecher! mit viel innerem Monolog); die Geschichten wurden an die Kommilitonen verteilt, die sie, sorgfältig mit Kommentaren versehen, nach der Diskussion an den Autor zurückgeben. Beeindruckend wirkt auf fremde Beobachter, wie sachlich und hilfreich die Kommentare ausfallen - keine Versuche, wunde Punkte in der Psyche der Autorin aufzudecken oder sich durch herablassende Bemerkungen selbst in den Vordergrund zu spielen, aber auch kein blindes Lob oder schafsartige Ergriffenheit angesichts deskreativen Produkts"

Werden Schriftsteller produziert?

Ob die solcherart trainierten Jungschreiber jetzt alle gute Kurzgeschichten verfassen können und Schriftsteller werden? Tom McNeal, der seit einigen Jahren Anfängerkurse in Stanford unterrichtet, schüttelt dazu nur lachend den Kopf. „Wenn von den fünfzehn Teilnehmern auch nur einer Schriftsteller wird, ist das schon ein Wunder", sagt er.Aber auf jeden Fall helfen wir ihnen, bessere Leser zu werden und ihre eigenen Probleme auch mal schriftlich zu verarbeiten. Diese Studenten sind vor dem Fernsehen groß geworden - wenn sie überhaupt lernen, sich schriftlich auszudrücken und genau zu lesen, ist das doch auch schon etwas, oder?''

„Etwas" ist es, aber längst nicht alles, was sich die Creative Writing Programs zum Ziel gesetzt haben. Nicht nur um Horizonterweiterung bei Undergraduates geht es, sondern, in den Fortgeschrittenenkursen, auch um gezielte Ausbildung von Schriftstellern. Seit 1936 und 1946 die ersten Programme - Iowa und Stanford -gegründet wurden, ist ihre Popularität kontinuierlich gestiegen: Inzwischen werden landesweit über 330 Studiengänge angeboten, die jährlich etwa 7000 Studenten zu einem Hochschulabschluß im Kreativen Schreiben hinführen. Was in der Bundesrepublik nur vereinzelt an Universitäten oder Volkshochschulen existiert oder, wie im Falle des Berliner Workshops Schreiben für Schüler, auf regionale Initiativen angewiesen ist, ist in den USA längst zu einer florierenden und allgemein anerkannten Institution geworden.

Handwerk ist lehrbar

Aber kann man denn Schreiben lehren? Muß sich ein/e Schriftsteller/in nicht alleine entwickeln? Wenn sich die europäische Skepsis gegenüber Creative Writing Programs in diese grundsätzlichen und gar zu oft gestellten Fragen kleidet, wird John L'Heureux, Romanautor und seit 12 Jahren Leiter des Stanforder Programms, unwirsch. Was denken die Leute eigentlich?", schnaubt es über den Schreibtisch zurück, .jeder hält es für selbstverständlich, daß Maler und Bildhauer ausgebildet werden - und Schriftsteller sollen vom Himmel fallen? Es ist doch klar: Genialität kann man nicht lehren, aber Handwerk wohl."

Tatsächlich finden angehende Schriftsteller, wie die Absolventen solcher Programme immer wieder bestätigen, in den Workshops vieles, was sie in ihrer Entwicklung beschleunigen kann: zunächst einmal ganz banal eine Abgabefrist, die sie zum Schreiben zwingt; vor allem aber können sie die Wirkung ihrer Texte auf ein grundsätzlich wohlwollendes und kritisches Publikum ausprobieren.

Dennoch: Unkritische Kreuzritter für die Sache der Creative-Writing-Kurse findet man nicht, wenn man sich mit Dozenten und Absolventen unterhält - die negativen Begleiterscheinungen und Gefahren werden immer gleich mit aufgezählt. In Workshops kann sich leicht eine negative Gruppendynamik einstellen; häufig kommt es vor, daß Teilnehmer sich zu stark auf das unmittelbare Publikum ausrichten und ihnen zu Gefallen schreiben, oder daß Texte vorschnell zerfleddert werden, bevor sie eigentlich recht in des Autors Obhut gereift sind.

Auf dem amerikanischen Schreibmarkt sind die Konsequenzen der Akademisierung gravierender. „Es gibt heute kaum einen jungen amerikanischen Schriftsteller mehr, der nicht durch ein solches Programm gegangen ist", sagt John L'Heureux, und man kann hinzufügen:Es gibt auch kaum mehr ältere Schriftsteller, die sich nicht zumindest zeitweise mit dem Unterrichten solcher Kurse über Wasser halten. Die Folgen: Mehr Freiheit für das eigene Schaffen einerseits, andererseits aber auch die Gefahr, den Kontakt zur Realität zu verlieren und nur noch über das College-Leben bzw. für ein College-Publikum zu schreiben.

Die umgekehrte Gefahr - eine zu große Ausrichtung auf die Wünsche des allgemeinen Publikums - besteht jedoch ebenfalls: Wo in erster Linie Handwerk gelehrt wird, liegt es nahe, gezielt auf bestimmte Märkte hinzuschreiben, mit immer wieder den gleichen Techniken Geschichten zu verfassen, die man unschwer als beispielsweise "Iowa-Stories" in bestimmten Magazinen erkennen kann.

"Es hat in den letzten Jahren einen enormen output an mittelmäßiger Literatur gegeben, und das ist sicher auch auf die Creative-Writing­Kurse zurückzuführen", sagt Gilbert Sorrentino, Professor in Stanford und Autor postmoderner Romane. Genie gibt es heute vielleicht weniger als früher." Für einsame - universitätsfremde - Genies ist das Leben auch deshalb schwerer geworden, weil sich die Schreibmarkt-Infrastruktur um die Universitäten zentriert hat: Hier finden die Lesungen statt, hier kann man über lehrende Schriftsteller mit Verlagen in Kontakt treten, hier muß man seine Protektoren haben, um an Stipendien zu kommen

Statt nach New York an die Uni

„In meiner Jugend war es das Beste für einen jungen Künstler, nach New York zu gehen; dort konnte man Erfahrungen machen, andere Schriftsteller treffen, mit Verlagen in Kontakt kommen", sagt Sorrentino. Heute ist New York für junge Künstler viel zu teuer geworden. Wer in der Provinz aufwächst, ist froh, in einem Creative Writing Program einen geschützten Ort zu finden, in dem er mit Gleichgesinnten reden und arbeiten kann; der Rest des Landes ist so anti-intellektuell."

Die Schreibkurse also als Kompensation für die Abwesenheit einer anregenden städtischen und intellektuellen Umgebung? So jedenfalls sieht Wallace Stegner, Pulitzerpreisträger und Gründer des Stanforder Studiengangs, den Unterschied zwischen Europa und USA: „In Europa können Schriftsteller in den kulturellen Zentren genug Anregung finden; in den USA gibt es dagegen kaum ein intellektuelles Leben außerhalb der Universitäten." Ob man sich eine Übertragung des amerikanischen Modells auf Europa wünschen soll - über eine Auffrischungsspritze für dröge Literaturcurricula hinaus - sei insofern dahingestellt

Dorothee Nolte

 

Hochschule für Fernsehen und Film