DrehbuchWerkstatt München

Fortbildung zum Film- und Fernsehautoren an der HFF

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Süddeutsche Zeitung

 

Juni 1995

Warum aus dem Mord ein Herzinfarkt wird

Die Ausbildung an der Münchner Drehbuchwerkstatt: Kämpfe und Leid für den Erfolg

Robert McKee schrieb die zehn Gebote für Drehbuchautoren. „Du sollst deiner Hauptfigur das Leben zur Hölle machen", heißt eines davon. „Du sollst dich keiner falschen Geheimnisse oder billiger Überraschungen bedienen" ein anderes. Das zehnte und letzte Gebot des amerikanischen Drehbuchlehrers verweist lakonisch auf die alltägliche Zwangsarbeit: „Du sollst umschreiben".

Regeln sind dafür da, daß man sie lernt, um sie zu befolgen. Wie aber ist das in dieser Branche? Kann man Schreiben lernen? Vermutlich so gut oder so schlecht wie Malen, Musik oder Bildhauerei. Während es aber für diese Künste traditionsreiche Ausbildungsmöglichkeiten gibt, waren die Drehbuchautoren hierzulande bis Mitte der achtziger Jähre auf das Prinzip angewiesen: learning by doing.

Erst als die Drehbuchautoren für die Misere des deutschen Films verantwortlich gemacht wurden, entstanden Ausbildungseinrichtungen: 1986 die Berliner Drehbuchwerkstatt, drei Jahre später die DrehbuchwerkstattMünchen,. getragen vom Bayerischen Kultusministerium, dem Bayerischen Rundfunk und der Hochschule für, Fernsehen und Film. Da die Kurse in Berlin nicht regelmäßig durchgeführt werden, wurde die Münchner Einrichtung zur Topadresse für Deutschlands Drehbuch-Hoffnungen.

Hat sie sich bewährt? Studienleiter Martin Thau schränkt schon mal ein: Der Anspruch, mit erlernbaren Kunstgriffen ein perfektes Drehbuch zu schreiben, käme dem Versuch gleich, mit Hilfe eines Psycho-Ratgebers den idealen Lebenspartner zu finden. Der pädagogische Gag, der Drehbuchwerkstatt aber besteht darin, daß namhafte Film-Künstler den Nachwuchs über die fast ganze Ausbildungszeit hin mit Rat und: Tat begleiten. Eine fünfwöchige Grundausbildung vermittelt zunächst handwerkliches Rüstzeug: Wie man Spannung erzeugt; warum bestimmte Charaktere gemocht werden oder• wie man prüfen kann,, ob: eine Geschichte funktioniert. Danach' wird Referenten wie Felix Huby („Mein Gott, Herr-Pfarrer") gelauscht oder mit Betreuern wie Eckart Schmidt („Der' Fan") ein Jahr lang an einem selbstgewählten Stoff, gearbeitet. Eine Zeit der Kämpfe.'" Ein Lebenskostenzuschuß erleichtert in dieser Zeit wenigstens das finanzielle Überleben.

Wieder und wieder umgeschrieben hat. in diesen zwölf Monaten Monika Bittl den Plot zu „Sau sticht", mit dem sie sich vor zweieinhalb Jahren bei der Drehbuchwerkstatt, beworben hatte: Aus der Geschichte- einer 60jährigeri bayerischen Bäuerin, die ihre 80jährige Mutter mit. einem Beil erschlägt, ist letztlich die Liebesgeschichte einer 45jährigen bayerischen Bäuerin geworden, deren Mutter an einem Herzanfall stirbt. Es wurden Szenen verschoben, andere verworfen, und wieder andere völlig neu entwickelt. Ihr persönlicher Betreuer Franz Geiger („Münchner G'schichten") hatte ihr geraten, die Figuren zu verjüngen und die ursprünglich so düstere Story aufzuheitern. (Es wäre sicher spannend, diesen Stoff mit Achternbusch zu erarbeiten.) Zwei der bei den regelmäßigen Treffen aller Teilnehmer und Betreuer diskutieren Drehbuchfassungen von Monika Bittl wurden „hochgelobt", eine dritte „niedergemacht". Zwar hat die bayerische Bäuerin Anni Hafner auch in der neunten und letzten Drehbuchfassung noch Mordgelüste, der schädelspaltende Schlag wurde jedoch - auch mit Blick auf einen möglichen Sendeplatz um 19.25 Uhr - in eine letal wirkende Drohung umgearbeitet.

Der Lohn des Schweißes und des Ärgers und des Lernens? Das ZDF hat.dasBuch von Monika Bittl mit MonikaBaumgartner, Maria Singer und JörgHube in den Hauptrollen verfilmt, die Ausstrahlung des Fernsehspiels im kommenden November bedeutet einen bemerkenswerten Erfolg für die junge Autorin:„Vorher kannte ich nichts und niemanden in der Branche, jetzt kann ich mir die Aufträge aussuchen.“

Stichproben unter den Absolventen ergeben eine erstaunlich positive Bilanz: Die Ausbildung habe tatsächlich „Türen geöffnet" und „sehr viel gebracht". Geschätzt werden die Kontakte, die die Drehbuchwerkstatt vermittelt, die Möglichkeiten für ein kompetentes Gespräch mit Profis und Gleichgesinnten; und daß ohne finanziellen Druck eine Art Gesellenstück erarbeitet werden kann. Entscheidend, sei jedoch das Verhältnis zum Betreuer. Stimmt das Verhältnis, ist meist auch der junge Autor zufrieden.

Kann man Schreiben also lernen? 80 Prozent der Teilnehmer kämen später auch als Drehbuchautoren unter, behauptet Martin Thau: Eine beeindruckende Zahl, jedoch wird hier nicht zwischen Gelegenheitsschreiber und regelmäßig Beschäftigten unterschieden.

Robert Thayenthal, Mitglied des zweiten Jahrgangs der Drehbuchwerkstatt, hat in den letzten Jahren sein Geld vor allem mit Serien verdient, mit 15 Folgen von „Der Bergdoktor" zum Beispiel. Im Rückblick beklagt er, er sei auf diese Arbeit zu wenig vorbereitet worden, weil doch Fernsehspiel oder Kinofilm zu sehr im Mittelpunkt gestanden hätten.

Und nicht nur er kritisiert, die Werkstatt bemühe sich zu wenig, die Bücher an Produzenten zu vermitteln. Indiz dafür: Seit 1989 haben - 52 Autoren die Ausbildung abgeschlossen, jedoch nur vier drehfertigen Drehbücher wurden auch tatsächlich verfilmt. - Die meisten ' Autorenleben halt davon, McKees zehntes Gebotzu befolgen.

MARTINA KNOBEN

 

 

 

Hochschule für Fernsehen und Film