Aristoteles’ Poetik

 

 

für Drehbuchautoren

 

H I E R

 

Das knapp gehaltenen Fach-Buch liefert einen Schlüssel zu Aristoteles' klassischem Text für gründliche Unterhaltungsschriftsteller in spannenden Genres und Drehbuchautoren. Dafür werden die entscheidenden Passagen der POETIK in Überschriften zusammengefasst, durch geklammerte Einschübe und anschließende Zusammenfassungen kommentiert.

 

ÜBERSCHRIFTEN

Handlung ist nicht Rede, sondern Tun - Die Geschlossenheit einer Handlung - Künstlerische Nachahmung wiederholt nichts Hervorgebrachtes, sondern das Hervorbringen – von Ausgeburten voller Anmut des Wahren. - Die Handlung einer Geschichte ist wichtiger als ihre Mannschaft - Bessere Handlungen sind eingleisig - Handlung ist nicht Rede, sondern Tun - Die Geschlossenheit einer Handlung - Nachahmung kopiert kein Original, sondern stellt etwas vor, und wer’s wahrnimmt, empfindet dabei wie gegenüber etwas Wirklichem. - Die Handlung einer Geschichte ist wichtiger als ihre Mannschaft - Bessere Handlungen sind eingleisig - Ihre Handlung ist der Sinn einer Geschichte - Zweck einer Geschichte: ihre Handlung - Eine gute Handlung ist organisch - Die Genres des Aristoteles - Das Epos unterscheidet sich von der Tragödie - Logik des Horror-Films - Der Schwerpunkt einer Handlung: etwas Schreckliches, das dem Helden zustößt oder un/mittelbar von ihm verursacht wird - Was das Publikum erleben möchte - Mag der Zuschauer sich auch nicht allzeit in die dargestellten Verhältnisse einer Geschichte finden - immer vertraut und mitreißend sind für ihn Machtfragen. - Richtige Länge - Bewirkung des Gegenteils des Beabsichtigten - K/eine Überraschung - Wenn Zufälliges auf die Vorgeschichte beschränkt bleibt, wird seine dramatische Wirkung nicht beirren, sondern beeindrucken - Die Ursachen des Höhepunktes dürfen nicht unsichtbar sein - Charaktere sind Gewohnheiten - Mit aufgerührten Gefühlen gehen auch andere seelische Lasten ab - Handlungen deuten Ideen - Die wirkungsvollste Beschaffenheit der Hauptfigur - Jammer, Schaudern und Reinigung entspringen nicht neuen, unerhörten Tatsachen, sondern der Aktualisierung von etwas, dessen man bereits inne ist - Der sittlich mittlere Charakter - Charaktere schaffen die innere Beteiligung an einer Geschichte - Im Geschehen enthaltene Betrachter, die uns die Vergangenheit erklären, die Gegenwart bewerten oder Zukunft voraussagen, steigern das Wahrnehmungserlebnis der Zuschauer, wenn sie zur Handlung gehören - Was Charaktere lebendig macht - Dialog ist besser Teil der Handlung - Wenn Exposé oder Zusammenfassung einen nicht packen, werden es weder das Drehbuch noch der Film danach tun - Daher ist die Dichtkunst Sache von phantasiebegabten und leidenschaftlichen Naturen - Dramatik wächst nicht mit immer neuen Überraschungen, sondern „musikalisch“ durch Abwandlung desselben Themas - Die undurchsichtigste Geschichte nimmt einen gefangen in dem Maße, in dem sie einmal wirklich geschehen ist - Warum Menschen sich im Gegensatz zu Tieren (am liebsten schaurige) Geschichten erzählen - Was jämmerlich-schauderhaft aussieht, aber nicht weh tut, ist komisch - Was Aristoteles nur mittelbar anspricht - Zusammenfassende Deutung - Wesen der Tragödie

 

 

 

TEXTAUSZUG

(Die Seitenzahlen verweisen auf die deutsche Übersetzung Fuhrmanns im Verlag Phillip Reclam jun., Stuttgart 1982. In {geschweiften Klammern} erscheinende Ausdrücke gehören nicht zum Ur-Text, sondern deuten benachbarte Stellen durch verwandte deutsche Worte, Erläuterungen oder die englische Übersetzung des griechischen Originals.)

 

Handlung ist nicht Rede, sondern Tun

 

[Eine falsch verwendete Figur] sagt ... von sich aus, was der Dichter will, und nicht, was die Überlieferung {Handlung} gebietet {... is made to say himself what the poet rather than the story demands} ... [Sie könnte] ebenso gut auch bestimmte Zeichen {Schrifttafeln, auf denen die Botschaft des Autors steht} an sich tragen {dem Publikum zum Lesen hinhalten} ... S. 51

 

Schlecht erfundene Charakteren sagen, was ihr Autor will, nicht was ihrer Verstrickung in die Handlung entspringt. Ebenso gut könnten sie Schrifttafeln mit Parolen hochhalten.

 

... Anfänger in der Dichtung [sind] eher imstande ..., in der Sprache {Dialogen} und den Charakteren {Eigenarten} Treffendes zustande zu bringen, als die Geschehnisse {zu einer Handlung} zusammenzufügen. {... beginners succeed earlier with the Diction and Characters than with the construction of a story.} S. 23

 

Ungeübte Autoren bringen eher Charaktere zustande als eine zusammenhängende Folge von Ereignissen.

 

 

Die Geschlossenheit einer Handlung

 

Jede Tragödie {dramatische Geschichte} besteht aus Verknüpfung {Complication} und Lösung {Denouement}. Die Verknüpfung [Aristoteles verwendet später dafür auch: „Knoten“] umfasst gewöhnlich die Vorgeschichte und einen Teil der Bühnenhandlung, die Lösung den Rest. Unter Verknüpfung {Knoten} verstehe ich den Abschnitt vom Anfang bis zu dem Teil, der der Wende ins Glück oder Unglück unmittelbar vorausgeht {I.-II. Akt}, unter Lösung den Abschnitt vom Anfang der Wende bis hin zum Schluss {III. Akt}. S. 57

 

Jede spannende Geschichte gibt eine Folge auseinander hervorgehender Ereignisse wieder, in deren Verlauf sich etwas Bestimmtes anbahnt, und dann bestenfalls sein Gegenteil eintritt.

 

Wir haben festgestellt, dass die Tragödie {dramatische Geschichte} die Nachahmung {Ausgeburt} einer in sich geschlossenen und ganzen Handlung {action} ist, die eine bestimmte Größe hat ... Ein Ganzes ist, was Anfang, Mitte und Ende hat. Ein Anfang {inciting incident ...} ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht ... Eine Mitte ist, was sowohl selbst auf etwas anderes folgt als auch etwas anderes nach sich zieht {II. Akt}. Demzufolge dürfen Handlungen {Verläufe}, wenn sie gut zusammengefügt sein sollen, nicht an beliebiger Stelle einsetzen noch an beliebiger Stelle enden, sondern sie müssen sich an die genannten Grundsätze halten. S. 25

 

Eine spannende Geschichte lanciert einen Verlauf, der umfangreich genug sein muss, um ‒ zwischen Anfang und Ende ‒ eine Mitte zu haben. Während der Mitte wird ein Ereignis von einem vorhergehenden verursacht und bewirkt ein weiteres. Der Anfang tritt unvermittelt ein; das Ende beschwört nichts Weiteres herauf.

 

Viele schürzen den Knoten vortrefflich und lösen ihn schlecht wieder auf; man muss jedoch beides {Anfang und Ende} miteinander in Übereinstimmung bringen {Spannung stiften und lösen}. S. 59

 

Ein Anfang ist immer der Anfang von ETWAS = er spannt auf ein bestimmtes ENDE.

 

Ein Ende ist ..., was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel {höchstwahrscheinlich}, während nach ihm [erst mal] nichts andres mehr eintritt. S. 25

 

Das Ende tritt ein als ein Ereignis, welches ‒ bedingt durch seine Vorgänger ‒ als deren Folge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vonstattengehen muss.

 

 

Künstlerische Nachahmung wiederholt nichts Hervorgebrachtes, sondern das Hervorbringen – von Ausgeburten voller Anmut des Wahren.

 

Die Tragödie ist Nachahmung {Vorstellung} einer guten {ernst zu nehmenden} und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe. S. 19

 

Eine spannende Geschichte verspricht eine relevante und endliche Ereignisfolge.

 

 

Die Handlung einer Geschichte ist wichtiger als ihre Mannschaft

 

Die Fabel {Struktur} des Stücks ist nicht schon dann – wie einige meinen – eine Einheit, wenn sie sich um einen einzigen Helden dreht. Denn diesem einen stößt unendlich vieles zu, woraus keinerlei Einheit {Geschlossenheit} hervorgeht. So führt der eine {Held} auch vielerlei Handlungen {Tätigkeiten} aus, ohne dass sich daraus eine einheitliche [Linie] ... ergibt. Daher haben offenbar ... die Dichter ihre Sache verkehrt gemacht, die ... derlei {character driven} Werke gedichtet haben. Sie glaubten nämlich, dass, weil Herakles eine Person sei, schon deshalb auch [seine Geschichte] ... notwendigerweise ... [Geschlossenheit habe]. S. 27

 

Charaktere können eine Geschichte anstoßen, nicht jedoch alleine ausmachen, da sie nicht alle Ereignisse enthalten, welche eine spannende Handlung ordnet.

 

Demnach muss - wie in den anderen nachahmenden {vorstellenden} Künsten {etwa der Genre-Malerei} die Einheit der ... [Darstellung] auf der Einheit des [vorgestellten] Gegenstandes beruht - auch die Fabel {Folgerichtigkeit}, da sie Nachahmung {Ausgeburt} von Handlung ist, die Nachahmung {Vorstellung} einer einzigen, und zwar einer ganzen {Anfang - Mitte - Ende} Handlung sein. S. 29

 

Nicht allein Charaktere geben einer Geschichte Form und Inhalt, sondern auch, was ihnen zustößt und wie sie darauf reagieren - zu einem bestimmten Ende.

 

Denn als ... [Homer] die „Odyssee“ dichtete, da nahm er nicht alles auf, was sich mit dem Helden abgespielt hatte, z. B. nicht, dass dieser auf dem Parnass verwundet worden war oder dass er sich bei der Aushebung wahnsinnig gestellt hatte, ([denn] es war ... nicht notwendig oder wahrscheinlich, dass, wenn das eine geschah, auch das andere geschähe) – vielmehr fügte er die „Odyssee“ um eine Handlung {Geschichte} in dem von uns gemeinten Sinne zusammen, und ähnlich die „Ilias“. S. 27 und 29

 

Nur die Teile eines Verlaufes werden vorgestellt, welche sein Ende bedingen.

 

Ferner müssen die Teile der Geschehnisse {Geschichte} so zusammengefügt sein, dass sich das Ganze verändert und durcheinandergerät, wenn irgendein Teil umgestellt oder weggenommen wird. Denn was ohne sichtbare Folgen vorhanden sein oder fehlen kann, ist gar nicht ein Teil des ganzen {„... das Rad gehört nicht zur Maschine, das man drehen kann, ohne dass Anderes sich mitbewegt.“ L. Wittgensein Philosophische Untersuchungen 271}. S. 29

 

Ereignisse, die das Ende einer Geschichte anbahnen, dürfen in ihrem Verlauf nicht fehlen.

 

Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass es nicht Aufgabe des Dichters {Drehbuchautors} ist, mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit {schlechthin} Mögliche {an Sosein}. S. 29

 

Es ist weniger Aufgabe des dramatischen Autors, etwas Verlaufendes zu beschreiben, als gespannt zu machen auf dessen Ausgang.

 

 

 

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