Hollywood-Autoren zum Thema TREATMENT hier.

Sowie folgendes Beispiel:

 

  

DIE ERMITTLUNG

  

Beispiel-Treatment

  

von

 

 

Paul Schrader

 

 

 ANMERKUNG DES AUTORS: Alles, was mit Die Ermittlung zu tun hat - Stil, Inszenierung, Schauspiel, Gangart, Schnitt - muß ungestüm und grell sein. Ein Aufblitzen. Für den Moment. Nichts Verweilendes, Innewerdendes. Und alles zu Musik.

 

  

Die Ermittlung ist auf den ersten Blick kein Lehrstück, keine Moralpredigt. Gibt sich vielmehr en vogue, auf der Oberfläche schwimmend - ohne rechtes Thema. Ist aber in Wirklichkeit ein Pamphlet, eine politische Breitseite in Form eines Polaroids.

 

 

Das Treatment sollte bei lauter Musik gelesen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Er ist ein Diener des Gesetzes und
entzieht sich der Gerechtigkeit.

 

Kafka

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

JUDE MAZZO, Staatsanwalt der USA für den südlichen Distrikt New Yorks, 45, gepflegt - dichtes, dunkles Haar. Hey, Jude. Ein Name, den man sich merkt. Er setzt sich fest: Jude der Dunkelmann.

 

 

 

Jude Mazzo prüft den genauen Sitz seines Anzugs und überquert den Parkplatz. Das erste, was ins Auge springt, ist sein Gang. Der Jude-Gang: zwischen Schlendern und Stolzieren. Die Fußballen scheinen sein Körpergewicht ohne Anstrengung zu tragen; die Fersen folgen, scharren das Pflaster: präzise, hypnotisch. Ein selbstbewußter Gang. Ordnung schaffend, auch wo sie nicht existiert - verkündend: Dieser Raum besteht, weil ich ihn durchschreite!

 

 

 

Es ist nicht die unbefugte Selbstherrlichkeit des Geltungsbedürftigen. Es ist die natürliche Anmaßung des Befehlshabers. Menschen brauchen Ordnung - sie gieren danach wie nach Brot oder Wasser. Und die dafür sorgen, sind Gottgesandte, befreit von jederlei Urteil oder Verdacht. Ihre Haltung, ihr Gang, ihr nahender Schritt lassen die Sterblichen erschaudern.

 

 

 

Jude sitzt in seinem Celica und dreht sein Autoradio auf volle Lautstärke. Mit quietschenden Reifen und "Chantilly Lace" fährt der Wagen davon. Blicke folgen ihm. Manchmal genügt es nicht, ein geborener Führer zu sein. Manchmal muß man es auch zur Schau stellen.

 

 

 

1. JUDE KOMMT VOR KARINS WOHNUNG AN. Mazzo parkt seinen Wagen in der Nähe von 100 U.N. Plaza, einem glitzernden, postmodernen Hochhaus. Er tritt ein durch den Bedienstetenzugang.

 

2. JUDE ERMORDET KARIN. 56stes Stockwerk. Jude öffnet die Tür zu einer Wohnung und tritt geräuschlos ein. Innen wartet Karin, ein deutsches (oder auch holländisches) Mädchen, um die 20, nackt unter den Bettlaken. Sie könnte ein Modell sein. Jude schnürt seine Schuhe auf, zieht sie aus. "Na, wie wirst du mich heute umbringen?" fragt Karin scherzhaft, "Was hast du geplant?" Mazzo schaltet den superbreiten Fernseher an und wählt den Kabelkanal C-Span: Senatsanhörungen, live aus Washington. "Es geht um einen politischen Skandal", antwortet Jude und zieht sein Hemd und die Unterhose aus. Im nächsten Moment lieben sie sich voller Aggressiviät. Kurz vor dem Orgasmus legt Jude spielerisch ein Stromkabel um ihren Hals. Sie lacht, als er das Kabel zusammenzieht. Die Schlinge schneidet in ihren Hals. Plötzlich bekommt sie keine Luft mehr. Karin spuckt Blut über Mazzos Gesicht und Brust, kollabiert.

 

3. MAZZO RÄUMT AUF. Jude geht ins Bad und duscht. Zurück ins Schlafzimmer, zieht sich an. Karin liegt bewegungslos da. Jude schaltet den Fernseher ab. Bückt sich, um Karins Puls zu überprüfen, geht in die Küche, hellrote Fußspuren hinterlassend. Schenkt sich ein Glas frisches Wasser ein und trinkt es. Nimmt eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. Er geht wieder in das Schlafzimmer, nimmt ein paar Juwelen aus einer Kassette auf dem Toilettentisch und steckt sie ein. Ignoriert das danebenliegende Bargeld. Jude ruft die Polizei an und wird in die Warteschleife gehängt. Geduldet sich. Er sagt der Polizei, daß ein Mädchen in 100 U.N. Plaza ermordet worden ist. Die Polizei versteht die Adresse falsch ("100 Union Square"). Mazzo wiederholt herablassend die Adresse. Jude ordnet seinen Anzug, die Krawatte und verläßt die Wohnung mit der Sektflasche in der Hand.

 

4. ER TRIFFT RIA. Als er das Gebäude verläßt, begegnet Jude RIA, einem Italiener (vielleicht Araber) um die 30. Ihre Blicke begegnen sich. Wiedererkennen? Beide gehen wortlos weiter.

 

5. MAZZOS BÜRO IN NEW YORK. Rechtsanwälte und Beamte umlagern den auf CNN geschalteten Fernseher in Judes gewaltigem Büro am Foley Square. Der Präsident will morgen die erste von mehreren Gegenmaßnahmen als Reaktion auf die Terroranschläge in der U-Bahn der vergangenen Woche bekannt geben. Eine Stehgreifkommission unter der Leitung eines Anti-Terror-"Zaren" soll künftig die örtlichen und überstaatlichen Ermittlungen in Einklang bringen. Gerüchten zufolge soll der neue Leiter Jude Mazzo sein, Staatsanwalt von New York, früher stellvertretender Bundesstaatsanwalt, gefeierter Ankläger in Mafia-, Drogen- und Korruptionsfällen. Sogar seine Gegner loben Mazzo. CNN bringt eine Archiv-Biographie. Jude betritt sein Büro. Applaus. Er öffnet die Sektflasche, bringt einen Toast aus - rügt unversehens die Menge ("Dies ist kein Grund zum Feiern.") - und lacht schon wieder. Die Gespräche werden fortgesetzt. Klatsch über den Mord an einer Ausländerin im U.N. Plaza. Nur halbe Informationen. Jude fragt, ob der Fall in ihre Zuständigkeit fällt. Die New Yorker Polizei hat einen Hintergrundbericht über das Opfer angefordert. Ein junges Mädchen, anscheinend sehr hübsch. Die Einzelheiten widersprechen sich: ein Beamter behauptet, das Opfer sei orientalisch, ein anderer besteht darauf, daß der Ort 1 Union Square sei. Mazzo sagt, er wolle sich den Tatort ansehen. "Schließlich" scherzt er, "kann ich meinen letzten Tag nicht mit Sekttrinken verbringen." Er bittet MILTON, seinen treusten Mitarbeiter, um Begleitung.

 

6. DER TATORT. Außerhalb des Gebäudes bahnen sich Mazzo und Milton einen Weg durch die Journalisten. Innen beschriften und fotografieren Beamte der New Yorker Polizei die Beweisstücke. Ein Kriminalbeamter entfernt einen marineblauen Seidenfaden von Karins Fingernagel. Judes Ankunft sorgt für Aufruhr. Er schlendert durch Karins Wohnung und betatscht ungehemmt die Beweisstücke. Ein Kriminalbeamter stellt seine Zuständigkeit in Frage. Jude dreht sich um und überschüttet ihn mit Juristenjargon. Die anderen fügen sich. Mazzo stellt Fragen, ohne auf die Antworten zu warten. Er gibt Karins Kassettenrecorder einen Stoß. Big Bopper singt "Chantilly Lace" während Jude die Leiche untersucht: "Hel-lo, ba-by."

 

7. RÜCKBLENDE: KARIN RUFT JUDE AN. Ein Jahr vorher. Karin, fast nackt im Bett liegend, ruft Mazzo in seinem Büro an. "Wenn Sie soviel über Terroristen wissen, Herr Staatsanwalt", höhnt sie, "warum wußten Sie nicht, daß die Plastik, die Sie gestern in Ihrer Pressekonferenz gezeigt haben, vor drei Wochen in Grenada war?" - "Wer sind Sie?" will Jude wissen. "Ich wette, Sie halten sich für sehr sexy", macht Karin weiter, "mit Ihren um die Eier geschneiderten Hosen. Ich wette, Sie tragen diese häßlichen schwarzen Schuhe, die alle Bullen tragen. Mit Gummisohlen. Ich wette, Sie werden sogar herausbekommen, wer ich bin - und übrigens", lacht sie, "Sie sollten ein wenig abnehmen." Legt auf.

 

8. TATORT - FORTSETZUNG. Jude macht Witze auf Kosten der Leiche: "...Körper vereint von allen Nationen." Jude gibt zu, daß ein politischer Hintergrund naheliegt - äußert aber die Meinung, daß es "doch eher eine gewöhnliche häusliche Streiterei" war. Sein Büro wird den Fall überwachen, bis die bundesstaatlichen Ermittlungen beendet sind. "Weiß Gott, wessen Arsch wir dieses Mal decken müssen", flüstert Jude Milton zu. Mazzo schenkt sich ein Glas Wasser ein, trinkt. Er untersucht die Juwelenkassette.

 

9. AUSSERHALB VON KARENS WOHNUNG. Mazzo und Milton werden von Reportern belagert. Jude posiert für Fotos, verweigert aber jeglichen Kommentar. Auf dem Weg zum Wagen gibt er einem REPORTER ein Zeichen. Der Reporter geht zu einer Telephonzelle und wählt eine Nummer. Jude sitzt in seinem Celica und nimmt das Autotelefon ab. "Hier haben Sie eine Geschichte für Ihre Leser", sagt er, "ich weiß selbst nicht, woher Sie sie haben." "Klar." antwortet der Reporter. "In der Wohnung wurde keine Unterwäsche gefunden, überhaupt keine, nirgendwo." Reporter: "Sexualverbrechen?" "Nein", antwortet Jude, "sie trug einfach keine." "Großartig", erwidert der Reporter, "Das bringen wir auf Seite 1." "Aber denken Sie daran", weist Mazzo ihn an, "den privaten Hintergrund zu betonen. Wo zum Beispiel ist der Ehemann?" Mazzo dreht sich zu Milton: "Gib zu, daß du dich freust. Aber ist mein Schreibtisch nicht etwas zu groß für dich?" Milton: "Ich wünschte, Sie würden nicht gehen, Boss."

 

10. PRESSEKONFERENZ. Washington, D.C. Jude Mazzo sticht aus einer Reihe gleichaussehender Bürokraten, ein Star: er weiß es, und er weiß es auszuspielen. Der GENERALSTAATSANWALT gibt die Gründung von NATA bekannt, der National Anti-Terrorist Agency. "Wie die Zwanziger Jahre eine neue Behörde, das FBI, brauchten, ist es jetzt Zeit für die Schaffung einer neuen, unabhängigen Anti-Terror Kommission." Jude gibt eine kurze Erklärung ab und stellt sich dann den Fragen. Die Presse erwacht zum Leben: Hier ist ein Mann, mit dem man Auflage machen kann. Zu seiner eigenen Gefährdung befragt antwortet Mazzo: "Ich glaube nicht, daß sich die Vereinigten Staaten vor Terroristen verstecken sollten. Wir verkriechen uns nicht, wir lassen uns nicht einschüchtern. Die Terroristen wissen, wer ich bin und wo sie mich finden können. Sie wissen, daß ich keine Angst vor ihnen habe. Wenn mich das besonders gefährdet, dann kann ich nichts dran ändern. Je besser ich meine Arbeit erledige, desto eher werde ich in Sicherheit sein. In fünf Jahren soll sich kein Mensch mehr für mich interessieren."

 

11. JUDE BESICHTIGT DAS NATA HAUPTQUARTIER. Washington gleicht einer belagerten Stadt - Straßensperren aus Beton und Metalldetektoren an jeder Ecke. Auf der Pennsylvania Avenue, einen Häuserblock vom FBI-Monlithen entfernt, ist ein Sandsteinreihenhaus vollkommen renoviert worden. CLEMONS, ein CIA-Beamter, begleitet Mazzo durch den Hochsicherheitstrakt. Zwei unruhige FBI-Bosse folgen. Sie wollen mehrere beschattete Verdächtige verhaften, damit NATA gleich etwas vorzuweisen hat. Sie kommen an Zellen mit Informationsterminals vorbei, die mit einem Supercomputer im Lageraum verbunden sind. Jude beruhigt: er wolle nur Teil eines Teams sein. Clemons erklärt die Funktionen des Supercomputers. Er hat Zugriff auf Informationen über jede beliebige Organisation in der Welt. Jeden Steuerzahler. "Vollkommen legal", fügt Clemons hinzu. Jude bittet um eine Vorführung. Karins Name. Der Computer druckt aus: Sie hat Verbindungen zu zwielichtigen Gruppen in der ganzen Welt usf. Jude: "Sie haben Seiten voller Belanglosigkeiten, aber wissen nicht mal das wichtigste über diese Frau." "Und das wäre?" fragt Clemons irritiert. "Sie wurde vor drei Tagen ermordet." Jude dreht sich um zu den FBI-Löwen: "Man verspricht mir einen Computer-Experten und ich bekomme einen Videospiel-Trottel."

 

12. RÜCKBLENDE: JUDE SPÜRT KARIN AUF. Ein Jahr zuvor. Karin nackt auf dem Bett mit Telefon. Nackt im Bad mit Telefon. Nackt in der Küche mit Telefon. Sie verhöhnt Mazzo: "Mr. Big. Was für ein Mann. Herr Staatsanwalt. Kann nicht einmal eine geile Sympathisantin finden." Jude schneidet ihren Anruf vom Büro aus mit. Sie fährt fort: "Kann nicht einmal einen obszönen Anrufer finden. Die gewöhnlichste Sache der Welt - liegt hier, splitternackt, spielt mit sich und denkt dabei an den Herrn Staatsanwalt, der es nicht fertigbringt, eine geile Terroristensau, eine Bedrohung von 225 Millionen fähnchenschwenkenden amerikanischen Spießbürgern zu finden." Jude tritt in Karins Wohnung, während sie ihre Rede hält. Geht in ihr Schlafzimmer. Sie sieht ihn, bedeckt sich und legt auf. Sein Gebaren, seine Kleidung sind - nett ausgedrückt - unauffällig. Weniger nett: spießig. Das hier ist noch nicht der lässige Jude. "Haben Sie wirklich geglaubt, Sie würden davonkommen?" fragt Mazzo. "Was wirst du jetzt machen?" antwortet Karin. "Mich foltern? Nur ein bißchen?"

 

13. JUDE IN SEINER NEUEN WOHNUNG. Sein New Yorker Hausmädchen traktiert Möbelpacker mit Anweisungen, während sie Kartons entleeren. Mazzo schaut sich die Zweizimmerwohnung an. Blick auf das Oberste Gericht. Jude nimmt Karins Halskette aus seiner Jackentasche und legt sie in eine Schublade. (Mini-Rückblende: Fotografieren der Juwelenkassette am Tatort.) Jude ruft Milton in New York an und verlangt die neuesten Informationen über den Mordfall Karin Schreiber. "Wir haben den Ehemann 'reinbekommen." antwortet Milton, "ziemlich verschrobener Typ." "Das ist alles?" gibt Jude zurück. "Was ist los da oben? Habt ihr Penner mal wieder alles Beweismaterial verschlampt?"

 

14. MAZZO HÄLT EINE REDE VOR DER NATA. NATA-Mitglieder warten in einem Konferenzsaal. Sie verkörpern alle Abteilungen der Verbrechensbekämpfung: FBI, CIA, Staatsanwaltschaft, Rechtsprechung, örtliche Polizei. Jude tritt mit großen Schritten ein und fordert sie auf, sich zu setzen. "Entspannen Sie sich", sagt er, "wir sind hier nicht in Bulgarien. Entspannt euch schon." Jude wiederholt noch einmal den Auftrag der NATA. Er hat diese außerplanmäßige Konferenz zusammengerufen, um den Teamgeist zu stärken. "Von manchen wurde die Entscheidung kritisiert, einen Vollzugsbeamten als Leiter einer politischen Behörde zu berufen", fährt Jude fort, "aber die Wahl ist nicht unpassend. Was unterscheidet den Terroristen vom gewöhnlichen Kriminellen? Die Politparolen! Wir werden die Terroristen als gewöhnliche Kriminelle verfolgen, die sie in Wirklichkeit sind."

 

15. JUDE TRITT BEI DONAHUE AUF. Phil heißt Jude in New York willkommen und gratuliert NATA zu ihren neuesten Festnahmen. Mazzos Charisma hat das Kapitol belebt. "Ein neuer, frischer Wind aus Washington", schwärmt Donahue. "Mit Ihnen hier zu sitzen und zu reden, gibt mir das Gefühl von Sicherheit." Mazzos Augen entdecken ein hübsches Mädchen unter den Zuschauern. "Ich habe mir nie vorgenommen, ein Leitbild zu werden", antwortet er. "Ich habe mir immer nur im Sinn gehabt, vernünftig zu sein."

 

16. RÜCKBLENDE: SEX-SPIELE IN KARINS WOHNUNG. Einen Monat nach der letzten Rückblende. Während sie sich stückweise ausziehen, spielen Jude und Karin die sensationellsten Morde nach, mit denen Mazzo befaßt war. Er beschreibt das Verbrechen, bringt sie in Pose und macht dann ein Photo vom "Tatort". Für einen Fall "knebelt" Jude Karins und spreizt ihre Beine; für einen anderen Fall bedeckt er ihren nackten Körper mit Dollar-Scheinen. Jede einzelne Szene erregt Jude und Karin mehr. Sie springen wie Kinder durch den Raum. Ihre Affäre entwickelt sich von Leidenschaft zu sexueller Symbiose.

 

17. MAZZO HÄLT EINE REDE VOR DER NATA, FORTSETZUNG. "Drogen zu verkaufen, ist eine kriminelle Handlung", sagt Jude, "es ist auch eine unmoralische Handlung. Terrorismus ist eine unmoralische Handlung." (Mini-Rückblende: Fortsetzung der Sex-Spiele. Jude und Karin umklammern sich im Geschlechtsverkehr.)

 

18. MILTON TRIFFT JUDE NACH DONAHUE. Mazzo hat einen Bericht zu dem Mordfall angefordert. "Ich möchte nicht, daß mein letzter Fall ungelöst bleibt. Das ist wie dreckige Unterwäsche, die jemand versehentlich liegengelassen hat", sagt Jude. "Übrigens mußte ich sowieso nach New York." Milton fährt Mazzo durch die Stadt.

 

19. RÜCKBLICK: JUDE UND KARIN IM CELICA. Nacht. Lower Manhattan. Jude fährt im Zick-Zack durch die Straßen. Sie sind extrem elegant gekleidet, kommen gerade frisch von einer entsprechenden Veranstaltung. "Ich sage dir nichts", meint Karin spielerisch, "solange du mir nichts sagst. Ich werde dich nicht nach deinen hinterlistigen kleinen Ermittlungen fragen und du mich nicht nach meinen politischen Freunden. Laß uns sehen, wer gewinnt. Laß uns sehen, wer sich am nähesten ans Feuer wagt."

 

20. AUF DEM POLIZEIREVIER. Milton und ein KRIMINALBEAMTER überprüfen nochmals die Beweisstücke. Judes Fingerabdrücke sind überall in Karins Wohnung gefunden worden. Milton findet Erklärungen für jeden einzelnen Fingerabdruck - wann Jude das Trinkglas berührt hat, wann er das Bad betreten hat usf. Der Kriminalbeamte entschuldigt sich für die nachlässige Durchführung der Ermittlungen. Milton erwähnt den seidenen Faden, der höchstwahrscheinlich von einer marineblauen Krawatte stammt - wie die, die Jude am Tag der Untersuchung getragen hat. Der Mörder muß eine marineblaue Krawatte getragen haben. "Aber sie haben miteinander geschlafen", entgegnet Jude. "Ist das Dein Verdächtiger: ein nackter Mörder mit einer marineblauen Krawatte um den Hals?" Milton entschuldigt sich und fügt hinzu, daß es sowieso egal sei. "Der Mörder ist in Haft. Er wird gestehen. Es ist nur eine Frage der Zeit. - Genau wie du gesagt hast", fährt Milton fort, "ein häuslicher Streit. Schade, daß es kein politisches Motiv gibt." Jude fragt, ob er den Ehemann trotzdem vernehmen kann.

 

21. RÜCKBLENDE: JUDE UND KARIN IM AUTO, FORTSETZUNG. "Du kannst Dir alles leisten", provoziert Karin Jude, "Du bist unantastbar." Sie fordert ihn auf, über die rote Ampel zu fahren. Am Bordstein steht ein Polizeiwagen. "Fahr, fahr!" Jude gibt Gas und fährt bei Rot durch. Der Polizeiwagen fährt ihnen mit Blaulicht nach. "Sag ihm einfach nur, wer du bist", sagt Karin. Jude zeigt seinen Personalausweis. Der Beamte entschuldigt sich und geht. "Siehst du", sagt Karin. Jude fährt weiter. Karin hat ihm einen Floh ins Ohr gesetzt. Kann er sich wirklich alles leisten? Wie weit kann er gehen, bevor man ihn stoppt?

 

22. JUDE VERNIMMT EHEMANN. Karins Ehemaliger ist ein ausgebrannter, verwirrter Fall. Er ist bereit, den Mord zu gestehen, obwohl er sich überhaupt nicht daran erinnert. Mazzo sagt ihm, er solle sich keine Sorgen machen. Jude geht zu Milton, dem Kriminalbeamten und einem Polizisten. "Ein bißchen mehr werdet ihr schon noch bringen müssen", verkündet Jude. "Was meinen Sie damit?" erwidert der Kriminalbeamte. "Er ist unschuldig - das meine ich damit", sagt Jude im Gehen. "Ihr werdet schon sehen..."

 

23. JUDE IM JUSTIZPALAST. Zurück in Washington erzählt Mazzo dem STELLVERTRETENDEN GENERALSTAATSANWALT, daß er mit dem Opfer eines kürzlichen Mordfalls bekannt gewesen sei. Er habe eine Affäre mit ihr gehabt. Er frage sich, ob er diese Information an die New Yorker Polizei weitergeben solle. Der Mann ist eher beeindruckt als verärgert. "Ich habe gehört, sie war sehr hübsch", sagt er. "Wie war sie?" Jude lächelt. Der stellvertretende Generalstaatsanwalt sieht keinen Grund, warum Jude in einen örtlichen Mordfall verwickelt werden sollte. "Sie werden von allen beobachtet", sagt er Jude. "Sie haben einen guten Eindruck hinterlassen. Sie haben die Presse in der Hand." Er macht eine entsprechende Geste. "Ich bin froh, Sie auf unserer Seite zu haben." Mazzo nutzt die Gelegenheit, um mehr Personal und Material anzufordern. Er will NATA vergrößern. Der Assistent sagt, er werde den Generalstaatsanwalt fragen.

 

24. JUDE GEHT AM WEISSEN HAUS VORBEI. "Hel-lo, ba-by. Yea, this is the Big Bopper speakin'." Der Big Bopper singt seine Schnulze, während Mazzo in die siebzehnte Straße abbiegt. Der nördliche Säulengang des Weißen Hauses ist ganz in weißes Licht getaucht. Abendnachrichten. Ein Korrespondent spricht zu seinen Kameraleuten; daneben wartet eine andere Gruppe, daß sie an die Reihe kommt. Jude fährt weiter. "... make me feel real loose like a long-necked goose, like a girl. Oh, baby, that's what I like!"

 

25. GEORGETOWN PARTY. Politisch einflußreiche Leute tauschen auf einem Cocktail-Empfang Höflichkeiten und Klatsch aus. Jede Unterhaltung dreht sich um Macht: wer sie hat, wer sie verlieren wird, wer sie bekommen wird. Ein kriecherischer Kongreßabgeordneter und seine ATTRAKTIVE EHEFRAU drängen Mazzo in eine Ecke. Der Abgeordnete möchte, daß Jude bei einer Veranstaltung zur Spendensammlung für die Partei spricht. Jude weicht aus, als die Ehefrau des Abgeordneten zu flirten beginnt. Mazzo fixiert den Kongreßabgeordnete: wie sehr will er mich haben? Kann ich mir alles leisten? Jude nimmt die Frau bei der Hand und sagt ihrem Mann, er werde ihn morgen seine Antwort wissen lassen. Die Frau wirft dem Abgeordneten einen fragenden Blick zu - dieser gibt nickend seine Zustimmung. Jude verschwindet mit der Ehefrau.

 

26. JUDE UND DIE EHEFRAU SCHLAFEN MITEINANDER. Mazzo langweilt sich schnell mit seiner Eroberung. (Mini-Rückblende: Karin sagt im Bett: "Gut, ich fordere dich heraus. Ich fordere dich heraus.") Jude findet eine Entschuldigung und bricht den Geschlechtsverkehr ab.

 

27. DIESELBE NACHT IM KRISENSAAL. Jude liest ein Computerdossier über Karin. Er fordert Fotos an von mutmaßlichen Terroristen. Ein Gesicht nach dem anderen huscht über den Monitor. Er stoppt bei Rias Photo und fordert die Akte an. (Mini-Rückblende: Jude sieht Karins Korrespondenz durch, während sie unter der Dusche steht.) Mazzo nimmt Karins Juwelen aus einer gesicherten Schublade und legt sie in einen Briefumschlag. Er ruft den Reporter in New York an. Mazzo verstellt seine Stimme und teilt ihm mit, daß der Ehemann unschuldig sei und er dies mit einer Postsendung beweisen werde. Er nennt Details über das Verbrechen, die nur der Mörder wissen kann. "Kenne ich Sie nicht?" fragt der Reporter. Jude legt auf und ruft dann Milton an. Er ist die NATA-Akten durchgegangen und hat jetzt das Gefühl, Ria sei der Hauptverdächtige. Milton sagt, der Ehemann habe gestanden. "Es war Ria", entgegnet Jude. "Vertraue mir."

 

28. RÜCKBLENDE: COLUMBUS CIRCLE. Jude und Karin überqueren die Straße, vom Central Park kommend, warten auf einer Verkehrsinsel. "Wenn jemand hier vor aller Leute Augen jemand umbringen wollte", fragt sie, "wie könnte er damit davonkommen?" Jude sieht sich um und denkt: "Es müßte etwas davon ablenken." Karin eilt einem Taxi nach.

 

29. MILTON IM BÜRO DES KRIMINALBEAMTEN. Der Kriminalbeamte zeigt auf seinen Schreibtisch: Karins Juwelen liegen in einem Plastiksack neben einer Schlagzeile mit der anonymen Exklusivinformation. "Lest ihr Leute von der Staatsanwaltschaft eigentlich die New York Post?". Der Ehemann ist freigelassen worden.

 

30. JUDE WIRD ZUHAUSE ANGERUFEN. Mazzo hört Rockmusik, nimmt das klingelnde Telefon ab. "Zum Glück hast du mich rechtzeitig wegen des Ehemanns gewarnt", sagt Milton seinem früheren Boß, "sonst könnten wir's jetzt nicht auf sich beruhen lassen." Mazzo fragt, ob es irgendwelche anderen Entwicklungen gegeben habe. "Sie suchen nach Ria", antwortet Milton. "Sie haben herausgefunden, daß der Krawattenfaden zu einem von Missoni hergestellten Stoff gehört." Jude wirft einen Blick auf die Missoni-Krawatte auf seinem Bett. "Noch was", fährt Milton fort, "ich werde abgelöst - vorübergehend." GARTH, der neue Staatsanwalt, sitzt in Miltons Büro. Jude steckt seine Krawatte in einen Schuh im Schrank.

 

31. KONFERENZ DES NATA-PERSONALS. Mazzo stellt auf der wöchentlichen Versammlung REISMAN vor, einen Presseattaché des Weißen Hauses. "Er wird ab nächste Wochen für uns arbeiten", sagt Jude. "Statistische Ingenieure" stellen die neuesten Zahlen terroristischer Bedrohung dar, aufgeschlüsselt nach Herkunft, Art, Methode der Übermittlung der Information usf. - Querverweise, ein Schaubild ist farbiger als das andere. Eine neue "Gruppe" wird klassifiziert: Drohungen gegen NATA selbst. Zusätzliches Personal muß genehmigt werden, um die Daten vollständig auszuwerten. "Jetzt kommen wir langsam weiter" sagt Jude, "Jetzt wissen die, wo wir sind."

 

32. RÜCKBLENDE: MAZZO BENUTZT EINE ABHÖREINRICHTUNG. Jude sitzt in seinem Wagen vor 100 U.N. Plaza und belauscht ein Gespräch. Ria und ein Lateinamerikaner diskutieren mit Karin. "Du darfst Mazzo nicht mehr treffen", sagt Ria, "Er ist gefährlich." "Er ist derjenige, der Angst haben muß", antwortet Karin, "Er ist derjenige der einen Fehler machen wird." "Einer wie der? - Nie!" wirft der Dritte ein. "Glaubst du etwa, er liebt dich?", fragt Ria. "Natürlich nicht", antwortet sie, "er braucht mich."

 

33. GARTH UNTERSUCHT DEN TATORT. Karins Wohnung unberührt. Garth geht in dem Zimmer auf und ab, schaut in seine Akte, blättert durch die Vergrößerungen der Fingerabdrücke.

 

34. BOMBE BEI NATA (PERSONALTREFFEN FORTSETZUNG). Mazzo schlägt Verfahren vor, die Daten für das Weiße Haus zusammenzufassen. "Nicht ins Detail gehen", sagt er. "Der Stabschef will nur die Hauptpunkte wissen. Mehr als eine halbseitige Notiz, und man wird es weiterreichen und später behaupten, nicht hinlänglich aufgeklärt worden zu sein. Also, die Hauptpunkte: Zunahme terroristischer Aktivität und Dringlichkeit von unmittelbarer Antwort in Form von gesteigertem personellen und finanziellen Einsatz. Denkt daran, ein paar Witze parat zu haben." Plötzlich erschüttert eine Explosion das Gebäude. Die NATA-Leute schwirren aus. Jude führt die Truppe zu einem schwelenden Lastwagen hinter dem Sandsteinhaus. Niemand wurde verletzt. Jude springt in den ausgebombten Lastwagen. Reisman gibt seinem Fotografen ein Zeichen. Mazzo untersucht verkohlten Schutt während der Fotoapparat klickt.

 

35. MAZZO UND REISMAN KOMMEN ZURÜCK. Fernsehleuchten tauchen Judes Wohnhaus in gleißendes Licht. Reporter drängen sich vor, machen Fotos, rufen Fragen. Jude mimt Gereiztheit, dreht sich dann um: "Jetzt ist nicht die Zeit für große Worte", sagt er zu den Reportern. "Jetzt ist die Zeit, einander beizustehen. Die Vereinigten Staaten reagieren nicht mit Drohungen. Sie reagieren mit Handeln." Reisman begleitet Jude hinein.

 

36. JUDES WOHNUNG: DIE POLIZEI WAR DA. Das verstörte Hausmädchen erzählt, daß am Morgen Beamte der New Yorker Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl aufgetaucht seien. Mazzo verabschiedet Reisman. Der Pressesprecher erinnert Jude an eine Fotositzung mit Interview beim Time Magazine am nächsten Tag und geht. Das Hausmädchen sagt, die Polizei hätte nach einer marineblauen Krawatte gefragt. Sie habe gedroht, bei NATA anzurufen; darauf seien sie gegangen. "Die sollten sich schämen", sagt sie. Mazzo öffnet den Schrank und schaut in den Schuh. Das Hausmädchen sagt, sie habe seine Krawatte zur Reinigung gegeben. "Haben Sie der Polizei davon erzählt?" fragt er. "Natürlich nicht", antwortet sie.

 

37. MAZZO AN SEINEM COMPUTER. Dieselbe Nacht. NATA-Leute laufen durch den Krisensaal. Jude sitzt allein in seinem Büro, fordert die Akte Karin Schreiber an. Gesperrt - seit heute - auf Anweisung des U.S.-Staatsanwalts für den Südlichen Distrikt von New York.

 

38. NATA PRESSEKONFERENZ. Mazzo steht vor dem Spiegel des Ankleideraums und bringt sein Haar noch ein wenig in Unordnung. Reisman liest vor aus den neuesten Umfragen: Judes persönliche Popularität übertrifft sogar die des Präsidenten. Jude atmet durch und betritt dann den Pressesaal. Dort gibt er im Zusammenhang mit dem Autobombenvorfall eine Reihe von Verhaftungen bekannt. Fotos, Fingerabdrücke, Beweisstücke und Schaubilder werden gezeigt. All dies sei ohne die Hilfe des Staatsanwaltes von New York erreicht worden. Er läßt eine amüsierte Presse zurück. Ein klassischer Jude-Auftritt.

 

39. JUDE AUF STREIFE. Mazzo gondelt durch den Rotlichtbezirk. Er fährt an einer Prostituierten vorbei und dann an noch einer. Lieber zweimal hingucken. Er stoppt seinen Celica neben einer billig aussehenden HURE. Ihre Plastikstiefel passen nicht zusammen, ganz zu schweigen vom Makeup, das direkt von Aldi zu kommen scheint. Jude gibt ihr ein Zeichen.

 

40. RÜCKBLENDE: KARIN VERKLEIDET SICH. Karin posiert in aufdringlicher Hurenkleidung. Mazzo schaut ihr zu, in Anzug und Krawatte. "Bitte", umschmeichelt sie ihn, "laß mich so zu deinem Interview kommen. Ich werde einfach nur in der Ecke sitzen. Ich werde keinen Ton von mir geben. Du bist so mächtig, daß sich niemand trauen wird, es zu bemerken. Komm' schon, laß uns sehen, was für ein 'hohes Tier' du bist."

 

41. TIME-INTERVIEW UND PHOTOSITZUNG. Zwei Journalisten und ein Fototeam warten in Mazzos Wohnung. Er tritt zusammen mit der Hure ein. Reisman traut seinen Augen nicht, schweigt aber. Jude zeigt mit dem Finger - die Hure nimmt in einer Ecke Platz. Sie spricht kein Wort. Mazzo posiert vor dem Fenster mit Blick auf den Obersten Gerichtshof. Die Journalisten befragen ihn zum "Jude-Gefühl", das Washington erobert habe. "Wenn die Regierung sich nicht gegen Terror und organisiertes Verbrechen stellt, wenn die Regierung sich nicht gegen unmenschliche Pornographie, gegen Drogen stellt, wer soll es dann tun?" antwortet Jude. "Die Menschenrechtsbewegung? Die liberale Presse? Der Tierschutzverein? Natürlich gibt es das Gesetzbuch. Aber es gibt auch das gesunde Volksempfinden." Die Reporter erwähnen Gerüchte, daß Mazzo sich für eine noch höhere Position bewerben wolle. "Falls solche Gerüchte existieren", antwortet Jude, "werden sie von Leuten in die Welt gesetzt, die nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Ich dagegen habe eine Menge zu tun." Die Reporter ignorieren die Hure - es ist als ob sie nicht existieren würde. Jude fordert Reisman auf, sie nach Hause zu bringen. "Was zum Teufel ist in Sie gefahren?" flüstert Reisman. "Vielleicht wird man sie übersehen. Vielleicht haben Sie Glück." "Von Glück haben Sie keinen blassen Schimmer", entgegnet Jude. "Ich scheiße auf das Glück."

 

42. STAATSGEFÄNGNIS. FBI und örtliche Polizei liefern "Subversive" an. Mehrere singen antiamerikanische Sprüche. Etwas später führt ein INSPEKTOR Mazzo an den Häftlingen vorbei. Einige machen einen schuldigen, andere einen verwirrten Eindruck. Die meisten der Gesichter waren als Verdächtige der Computer-Recherche im Zusammenhang mit Karin und Ria aufgetaucht. Mazzo stellt einem der Männer eine Frage und geht dann weiter. Er stellt TOMAS einige Fragen, einem jungen Lateinamerikaner. Pause. Jude fixiert Tomas und bombardiert ihn dann mit Fragen: über Straßennamen, Restaurants, Gemüsehändler. (Mini-Rückblende: Jude hört die Unterhaltung in Karins Wohnung ab. Die dritte Stimme ist die von Tomas.) Der Inspektor ist beeindruckt. Er flüstert Jude zu, daß das der einzige Verdächtige sei, der unmittelbar mit dem Bombenanschlag in Verbindung gebracht werden könne.

 

43. MAZZO IM BÜRO AM TELEFON. Er ruft Milton an, fragt ihn, was denn zum Teufel los sei. "Warum bekomme ich keinerlei Unterstützung?" Milton sagt, er werde besser Garth ans Telefon bitten. Garth hebt den Hörer ab und entschuldigt sich. Jude nennt ihn einen selbstgerechten Arsch. "Was ist los bei euch da oben?" spricht Mazzo weiter. "Mal verdächtigt ihr Dick und Doof, dann Abbott und Costello. Sie wollen meine Wohnung durchsuchen? Sagen Sie's mir einfach." Garth gibt zu, daß er die Sache verbockt hat und jetzt deswegen in der Klemme sitzt. "Alles mein Fehler", sagt Garth. "Tut mir leid, aber jetzt habe ich auch noch ein anderes Problem. Wir haben diesen Ria-Typen auf Ihre Empfehlung festgenommen, und was sagt er? Er sagt, er hat Sie am Morgen nach dem Mord aus dem U.N. Plaza herauskommen sehen." "Natürlich ist das Quatsch", schaltet sich Milton ein. "Ich kann nicht behaupten, daß mich das überrascht", sagt Mazzo. "Angriff ist die beste Verteidigung." "Aber jetzt muß ich dem nachgehen", spricht Garth weiter. "Oder?" "Natürlich müssen Sie dem nachgehen", antwortet Jude. "Bringen Sie Ria hierher. Er soll mich 'identifizieren'. Ich habe eine kleine Überraschung für ihn. Ich werde ihn sowohl wegen des Mordes als auch für den Bombenanschlag überführen. Er ist jederzeit willkommen."

 

44. MITTAGESSEN IN DER KANTINE DES JUSTIZPALASTS. Jude sitzt in hoher Gesellschaft: Der STELLVERTRETENDE AUSSENMINISTER, der Generalstaatsanwalt, der stellvertretende Bundesanwalt, zwei führende Wirtschaftsvertreter, ein Vertreter der Waffenindustrie und einige Parteispitzen. Der Waffenhändler palavert, wie vorteilhaft NATA-Initiativen sowohl für die Wirtschaft als auch für die nationale Sicherheit seien. Der stellvertretende Außenminister witzelt über die Titelgeschichte des Time-Magazins: "Richtig schmierig. Ich konnt's fast nicht aufblättern, so sehr haben die Seiten zusammengeklebt." Der ÄLTERE WIRTSCHAFTSFÜHRER bringt die Sache auf den Punkt: "Du mußt wissen, Judi, daß wir einen PR-Fonds für dich eingerichtet haben. Du mußt dich dazu nicht äußern. Es ist etwas, das uns am Herzen liegt. Unsere Partei sucht nach neuen Führungspersönlichkeiten. Der Präsident ist der beste, den es je gegeben hat. Ich wünschte, wir könnten ihn einbalsamieren und im Oval Office anpflanzen." "Das haben wir, verdammt noch mal, beinahe getan", scherzt der Generalstaatsanwalt. "Charisma plus Glaubwürdigkeit ist Charakter", fügt der stellvertretende Außenminister hinzu. Jude schaut sich jedes der Gesichter genau an. "Mir ist ganz egal, was man sagt", fährt der Wirtschaftsführer fort, "die Presse kann keine Führungspersönlichkeit schaffen. Nicht wirklich. Ich rede von Männern, denen die Öffentlichkeit einfach nur glauben will, egal was sie für einen Unsinn verzapfen. Das Geld und die Medien machen viel aus, vielleicht sogar 90%; aber es gibt immer noch 10%, auf die es genauso ankommt. Und die kann man nicht kaufen. Ich muß es wissen", lacht er. "Hab's schließlich oft genug versucht!" Er wendet sich Jude zu: "Es gibt welche unter uns, die glauben, daß Sie diese 10 % haben. Wer weiß? So, jetzt laßt uns das Thema wechseln, bevor Judi hier noch Zeit findet, darauf zu antworten. Was machen die Miezen, Jungs?"

 

45. RÜCKBLENDE: JUDE BEKOMMT DEN NATA-JOB ANGEBOTEN. Der Generalstaatsanwalt spricht von Mann zu Mann. "Wir wollen Sie für diese Anti-Terror-Sache haben", bescheidet er Mazzo. "Aber wir müssen sicher gehen: Gibt es irgendetwas in Ihrem Privatleben, das uns in die Quere kommen könnte: Sex, Investitionen, Schmiergeschäfte...?"

 

46. JUDE BRÜLLT STRASSENMUSIKER AN. Mazzo geht auf der C-Street an einem Flötenspieler vorbei. Er dreht sich kurz um und nimmt eine Dollarnote aus der Sammelbox des Musikers. Der Flötenspieler protestiert. Jude explodiert: "Du spielst so beschissen, daß du Glück hast, daß ich mir nur einen Dollar nehme! Was willst du dagegen tun? Die Bullen rufen??" Jude wippt auf den Fußballen. "Du hast Glück, daß ich nicht auch noch deine beschissene Flöte kassiere! Was bist du überhaupt für'n Riesenarsch, daß du Flöte spielst?"

 

47. JUDE KONFRONTIERT RIA. Mazzo, Garth und Ria befinden sich mit einem Stenotypisten in einem Verhörzimmer. "Sprechen Sie in deutlichen, vollständigen Sätzen", weist Garth Ria an. "Wer ist dieser Mann?" Mazzo fixiert Ria. "Er ist der Leiter von NATA", antwortet Ria, "dem Polizei-Arm des faschistischen Amerikas." Garth insistiert: "Haben Sie ihn je zuvor gesehen?" Ria: "Nein." Garth: "Nie?" Ria: "Im Fernsehen. Im Time-Magazin." Garth: "Niemals in der Nähe von 100 United Nations Plaza?" Ria: "Niemals." Garth stürmt mit rotem Gesicht aus dem Raum.

 

48. JUDE ERREICHT GARTH IM KORRIDOR. "Hau' mir schon den Kopf ab", sagt Garth. "Los. Du kriegst ihn auf einem Tablett." "Ich will nicht Ihren Kopf", antwortet Mazzo, "Geben Sie mir nur zwölf Stunden mit Ria. Das ist alles, was ich verlange. Er weiß wesentlich mehr, als er sagt." Garth nickt.

 

49. RÜCKBLENDE: JUDE BETRITT KARINS WOHNUNG. Der Morgen des Mordtages. "Wie wirst du mich heute umbringen?" fragt sie.

 

50. JUDE UND RIA. Mazzo führt Ria in eine Verhörzelle und schließt die Tür. Jude befiehlt Ria, sich mit dem Gesicht zur Wand auf einen Stuhl zu setzen, stellt sich auf die andere Seite, beobachtet Ria. Pause. Totale Stille. Jude unterbricht die Stille, indem er das Geräusch eines klingelnden Telefons nachahmt: Er mimt das Abnehmen des Hörers, legt ihn ans Ohr. "Hel-lo, ba-by", er lächelt, "You kno-ow what I like." Er geht durch den Raum, spricht dabei, zieht Mantel und Krawatte aus. "Niemand kann uns sehen oder hören", sagt Jude. "Es gibt hier nur uns beide. Solange, wie ich es will. Nichts außerhalb dieses Raumes hat irgendeine Bedeutung für uns." Er hebt Ria von dem Stuhl und knickt ihn so gegen die Wand, daß er sein Körpergewicht mit den Kniescheiben balancieren muß. Ria muß in dieser Haltung verharren, andernfalls gibt's Salzwasser zu trinken. Sackt Ria zusammen, drückt Jude ihm den Krug an den Mund. Wir sehen die Tortur in Ausschnitten. Dazwischen schreitet Jude in der Zelle umher, Geschichten, Tatsachen und Aphorismen mischend. Erst spielt Mazzo den kultivierten Intellektuellen, spricht aus respektvoller Entfernung. Kommt er aber näher, wird Jude heftig. Direkt vor Rias Gesicht verfällt er in einen wirren, verzückten Rhythmus: ausdrucksstarke Bilder im Gewand von Logik. Jude reicht es nicht, Ria zu erniedrigen, er will ihn korrumpieren. Ihre Auseinandersetzung schweift ab, kommt aber immer wieder auf Rias Beziehung zu Karin: bis zu welchem Grad er sie kannte - ihre politischen Gemeinsamkeiten, ob sie miteinander geschlafen haben - schließlich: warum Ria am Tag des Mordes in der Nähe war. Nach acht Stunden Verhör läßt Mazzo Tomas hereinbringe, gebrochen, besiegt, winselnd. Tomas gesteht unter Tränen, daß er Ria und Karin kennt, und gibt zu, mit ihnen Bombenanschläge geplant zu haben. Er behauptet, Ria sei in Karin verliebt gewesen. Jude begleitet Tomas hinaus.

 

51. RÜCKBLENDE: KARINS WOHNUNG. Sie haben sich gestritten; Mazzo ist sauer. "Du wirst mich nie verlassen", sagt sie ihm. "Du überlegst es, aber du wirst es nicht tun. Du kannst es nicht. Ohne mich würdest du wieder zu der Schnecke werden, die du warst. Wie könntest du das aushalten? Nein, du wirst mich nicht verlassen. Zieh dich aus, bevor ich anfange, mich zu langweilen."

 

52. JUDE UND RIA, FORTSETZUNG. Mazzo kehrt zu Ria zurück, korrigiert dessen 'Haltung'. Ria leidet unerträgliche Schmerzen. Der Beton brennt in seinen Kniescheiben wie glühender Stahl. Jude scheint das gleichgültig zu sein, er denkt laut über "arabische Geschichte" nach, spricht von Rias großem kulturellen Erbe. "Du bist im Herzen der Zivilisation geboren worden", sagt er, "und was hast du daraus gemacht?" Rias Augen werden gläsern, er wird ohnmächtig. Jude ohrfeigt Ria wieder zu Bewußtsein und wird manisch: "Wen hast du gesehen, als du 100 U.N. Plaza betreten hast, an dem Tag als Karin ermordet wurde?" will er wissen. "Sag' es mir und du hast deine Ruhe. Du kriegst frisches Wasser." Ria wird ohnmächtig,; Jude packt ihn am Genick. "Mach's Maul auf!", schreit Jude. "Sie", japst Ria. "Es waren Sie. Ich habe Sie gesehen!" "Warum sagst du das nicht der Polizei?", fragt Jude. "Wenn ich es ihnen sage", antwortet Ria, "dann werden Sie die Wahrheit lächerlich machen. Niemand würde mir Glauben schenken, außer Ihnen. Sie stehen über dem Gesetz. Jetzt habe ich für immer etwas gegen Sie in der Hand. Etwas, das Sie mir nicht nehmen können. Sie würden mich jetzt gerne umbringen, aber Sie können es nicht. Ha!" Mazzos Gesicht ist ausdruckslos. Er schenkt Ria ein Glas frisches Wasser ein und setzt ihn auf den Stuhl. Dann geht er.

 

53. MAZZO ÜBERRASCHT GARTH UND MILTON. "Ria ist unschuldig", gibt Jude auf dem Korridor bekannt. "Er hat kein Verbrechen begangen. Laßt ihn frei." "Aber die Beweise", protestiert Milton, "Tomas Geständnis." "Idiot!" schreit Jude und gibt Milton einen Stoß. "Wer bist du überhaupt?" Mazzo tritt und schubst Garth und Milton den Gang hinunter; Polizei und andere Beamte schauen zu, wie Jude schreit: "Ich habe euch gesagt, wann ihr diese Leute festnehmen sollt, und ich werde euch verdammt nochmal genauso sagen, wann ihr sie wieder freizulassen habt!" Jude bemerkt das zufällige Publikum, strafft sich, entschuldigt sich bei Garth und Milton und geht davon.

 

54. JUDE SCHREIBT EINEN BRIEF. Er sitzt an seinem Schreibtisch und verfertigt einen Brief an den Generalstaatsanwalt. Es ist ein Rücktrittsgesuch und ein vollständiges Geständnis.

 

55. GIBT BRIEF AB. Das Büro des Generalstaatsanwaltes: er befindet sich in einer Besprechung mit dem INNENMINISTER. Mazzo tritt unangemeldet ein und entschuldigt sich für die Störung. Der Generalstaatsanwalt rügt ihn wegen seines kürzlichen Verhaltens. Jude reicht ihm den Brief und verheißt, dadurch würde sich alles klären. Er sei zu Hause, wenn man ihn brauche. Er geht ohne weitere Erklärung.

 

56. JUDE WARTET IN SEINER WOHNUNG. Warum dauert es so lange? Jude legt einen Rolling-Stones-Live-Mitschnitt auf und schlägt in einem juristischen Fachbuch nach: "Kapitalverbrechen". Er nimmt seine marineblaue Missoni-Krawatte aus der Verpackungsfolie der Reinigung, bindet sie um und korrigiert vor dem Spiegel den Knoten.

 

57. VERWALTUNGSBEAMTE KOMMEN AN. Drei Wagen halten vor Judes Gebäude. Acht oder neun dunkel gekleidete Beamte steigen aus und versammeln sich auf dem Gehweg. Dabei sind der Innenminister, der stellvertretende Außenminister, der Generalstaatsanwalt, der stellvertretende Bundesanwalt, Reisman, Garth, Milton und drei andere. Sie gehen gemeinsam ins Gebäude.

 

58. JUDE GESTEHT SEINE UNSCHULD. Die Beamten betreten seine Wohnung. Milton nickt Jude zu. Die Begrüßungen sind kurz und förmlich. Einer der Männer wird als der persönliche Arzt des Präsidenten vorgestellt. Der Generalstaatsanwalt gibt Jude seinen Brief zurück. Nicht angenommen. "Diese Erklärung ist bedeutungslos, da sie unzutreffend ist", sagt der Generalstaatsanwalt. "Eine Irreführung", ergänzt sein Stellvertreter. Mazzo, verärgert, beteuert seine Schuld. "Was ist mit meinen Fingerabdrücken?", fragt er, "überall in ihrer Wohnung waren welche." Garth erklärt deren Zustandekommen. "Hier", Jude zeigt auf seine Krawatte, "das ist die Krawatte zu der der Faden unter ihrem Fingernagel paßt." Milton entgegnet, daß es viele andere Krawatten gibt, die genauso aussehen und beschaffen sind. Jude nimmt Schwarz/Weiß-Fotos aus einer Schublade und verteilt sie. Sie zeigen Karin in verschiedenen nackten und halbnackten "Tatort"-Szenen. "Sehen Sie!", schreit Jude. "Ich habe sie gekannt! Ich habe diese Fotos gemacht!" Der Generalstaatsanwalt zerreißt die Fotos, eines nach dem anderen. "Ich habe nichts gesehen", sagt er. Der Innenminister wendet sich an Mazzo: "Sie müssen etwas für Ihr Land tun, Jude. Sie müssen Ihre Unschuld gestehen." Der Minister gebietet ihm, zu schweigen. "Das ist eine einstimmige Gruppenentscheidung, Jude. Es ist für alle das Beste. Geben Sie nach." "Und die Öffentlichkeit?", argumentiert Jude. "Was, wenn sie es herausfinden?" "Sie werden es nicht glauben", antwortet der Generalstaatsanwalt. "Sie glauben Ihnen", fügt der stellvertretende Außenminister hinzu. "Jetzt geben Sie schon nach, Jude", wiederholt der Minister. Jude gehorcht, klein beigebend. "Bestätigen Sie es", befiehlt der Minister. "Versichern sie es! Gestehen Sie Ihre Unschuld." Jude schaut auf, sagt: "Ich bin unschuldig." Ein Hochruf geht durch den Raum. Jemand öffnet eine Flasche Sekt. Der Innenminister schenkt Jude ein Glas ein. "Es ist vorbei", lacht der Minister. "Wie im Film. Du bist unser Anführer, Jude." Hel-lo ba-by.

 

 

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