Tankred Dorst-Drehbuchpreis für den Jahrgang 2007/08

 

Nominierungen und Preisträger

 

 

Sarah Schill Lust For Life

Die Jury meint: Basierend auf akribischer Recherche und tiefer emotionaler Kenntnis behandelt Sareah Schill das Thema „Eßstörungen“ in seinen teils unvorstellbaren Ausformungen. Das Leben der 24jährigen Elena, die sich in eine Klinik einweisen läßt, weil sie spürt, daß etwas in ihr fürchterlich schiefläuft, wird von der Autorin mit geradezu chirurgischer Genauigkeit und Kühle seziert. Vor allem die Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter und ihre neue Freundschaft zu einer Mitpatientin stürzen Elena immer wieder in Abgründe, deren Bedrohlichkeit sie lange nur vage begreift. Sehr konsequent kreist die Geschichte um die Hauptfigur und vermittelt Einblicke in erschreckende seelische Zwangszustände, in denen sich viel zu viele junge Frauen – aber auch Männer – heute befinden und in die sich durch vermeintliche äußere Ansprüche hineindrängen lassen.

Die Jury war von dem hohen Niveau der dramaturgischen Darstellung und der Fülle an eindringlich geschilderten Charakteren sehr beeindruckt.

 

Barbara te Kock Mein Tod lebt in Zürich

Die Jury meint: Die Autorin erzählt die Geschichte der an Mukoviscidose erkrankten, 30jährigen Lea, die sich entscheidet, einen würdevollen Tod bei einer Sterbehilfeorganisation zu suchen. Noch einmal versammelt sie ihre Familie um sich, was zum Aufbrechen alter, ungelöster Konflikte führt. Ungewöhnlich unterhaltsam, mit wohl dosiertem Humor und gleichzeitig großer Ernsthaftigkeit behandelt Barbara de Kock ein Thema, das nach wie vor in unserer Gesellschaft vollkommen unangemessen diskutiert wird.

 

Die Jury hofft, daß dieses Drehbuch – nach vielleicht einigen kleinen Korrekturen hier und da – möglichst bald verfilmt wird, und zwar so, wie die Autorin es geschrieben hat: mit leichter Hand und unbedingter Wahrhaftigkeit

 

 

Sönke Andresen Dustbuster

Die Jury verleiht den Preis mit der Begründung: Und jetzt zu etwas ganz Anderem. Nachdem der Wellensittich Herr Neumann von einem Staubsauger eingesogen wurde, beginnt für dessen Besitzer, den Endsechziger Hubert Lotzmann, mitten im Advent ein Kreuzzug. Auf Befehl seiner Frau Annemarie muß Hubert den zwanzig Jahre alten, aus Familienbesitz stammenden und aufgrund der ungewöhnlichen Vogelfüllung durch einen Kurzschluß außer Betrieb gesetzten Staubsauger der Marke Dustbuster 500 reparieren lassen, komme, was da wolle. Und was da alles kommt, ist so unfaßbar und gleichzeitig so anrührend und irgendwie überhaupt nicht absurd, weil in diesen Irrsinnszeiten durchaus denkbar, dass man am Ende der Drehbuchlektüre nur noch beglückt ist von diesem Feuerwerk an Ideen. Globalisierungsgegner, durchdrehende Polizisten, selbstgefällige Moderatoren, ein betrunkener arabischer Bademeister - umschwärmt von zwei durchaus älteren Zwillingsschwestern -, eine junge, zu allem entschlossene Aktivistin und mittendrin – ja mittendrin ein Liebespaar, das in dieser Geschichte nicht nur die Wiedergeburt des Herrn Neumann feiert, sondern vor allem ihren 33. Hochzeitstag und ihre, allem Wahnsinn trotzende Liebe mit einem Hubert Lotzmann als Don Juan de Dustbuster.

Es freut die Jury, dass sie sich ohne gegenseitige Androhung von meinungseinsaugenden Gegenständen auf das skurrilste, ungewöhnlichste und vielleicht komischste Drehbuch einigen konnten, das diese Drehbuchwerkstatt bisher hervorgebracht hat. Möglicherweise wird der produktionstechnische Aufwand etwas höher ausfallen als bei anderen Verfilmungen von Drehbüchern und der Autor, das steht fest, wird eine Menge zu tun haben, um seine Ideen vor den üblichen Notbremseziehern zu verteidigen. Aber: Wer so schreiben kann, der kann auch kämpfen.

 

Der Tankred-Dorst-Preis 2008 für das beste Drehbuch geht an Sönke Andresen für – wie die Hauptfiguren zu sagen pflegen - „Dustbuster“. Herzlichen Glückwunsch!

 

 

Jury: Maria Furtwängler, Michael Gutmann, Friedrich Ani