Tankred Dorst-Drehbuchpreis für den Jahrgang 2004/05
Nominierungen
Taxi nach Peking
An Multipler Sklerose erkrankter Taxifahrer kämpft mit seinem Sohn um eine Frau. Drama.
Der selbständige Taxifahrer Werner Ritter, 47, leidet seit drei Jahren an Multipler Sklerose. Er hinkt, geht am Stock, versucht aber seinen Zustand zu leugnen, denn sein großer Traum ist es, einmal in seinem Taxi bis nach Peking zu fahren. Daheim bastelt er den Chinesischen Kaiserpalast aus Streichhölzern nach.
In einem Chinesischen Kochkurs verliebt er sich in die zehn Jahre jüngere Olga, eine verwitwete Supermarktkassiererin, verschweigt ihr aber die MS und gibt vor, sein Hinken komme von einer Hüftarthrose. Auch seinen Sohn Hans, 26, aus geschiedener Ehe, Maler und Lackierer, der Olgas Wohnung renoviert, stiftet er zu der Lüge an. Werner und Olga werden ein Paar.
Doch auch Hans, der seinem Vater noch immer vorwirft, er habe die Mutter durch seinen Jähzorn vertrieben, sie einmal sogar geschlagen, fühlt sich zu Olga hingezogen. Während Werner noch hofft, Olga würde ihn auf die Reise nach Peking begleiten, erleidet er einen heftigen Krankheitsschub. Nach der Klinikentlassung sitzt er im Rollstuhl.
Olga will dennoch zu ihm halten, aber Werner, vom Sozialamt aufgefordert, sein Taxi zu verkaufen, wird immer verzweifelter und jähzorniger. Als er mit einer Schere nach ihr wirft und sie am Auge verletzt, wendet sich Olga hilfesuchend an Hans, der schließlich eine Affäre mir ihr beginnt. Als Werner davon erfährt, kommt es zu einem verbitterten Streit, bei dem Hans in einer Mischung aus Umarmung und Kampf seinem Vater an die Gurgel geht. Erschrocken lassen sie voneinander ab. Werner steckt betrunken seinen Streichholzpalast an, seine Wohnung fängt Feuer, doch Hans rettet ihn aus den Flammen.
In seinem auf Handgasbetrieb umgerüsteten Taxi bricht Werner allein zu der Reise nach Peking auf. Hans ist von der Willenskraft seines Vaters beeindruckt und kann ihm seinen Jähzorn verzeihen. Olga trennt sich von Hans und erhält von Werner eine E-Mail aus Peking, auf die sie antwortet: Komm bald zurück.
Baching
Ein Autounfall mit tödlichem Ausgang betrifft sechs Menschen. Drei Jahre danach ringt jeder von ihnen um Würde – und ein bisschen Normalität.
Drei Jahre ist die kleine Lena Stocker aus Baching schon tot. Ihre Eltern Gabi und Bernhard, beides Lehrer, haben sich in der Zwischenzeit getrennt. Die Mutter hat einen neuen Freund, was der Vater äußerst eifersüchtig verfolgt. Dann taucht Benedikt Kirchner wieder im Dorf auf. Er hat damals Lena überfahren, betrunken. Benedikt will einen Neuanfang in Baching wagen – in der Großstadt ist er gescheitert.
Benedikts Erscheinen reißt alte Wunden auf: Bernhard Stocker sucht seine Nähe und überfordert ihn damit. Außerdem entdeckt Benedikts Ex-Freundin Annette, dass sie sich immer noch zu ihm hingezogen fühlt. Jedoch ist Annette mittlerweile mit Benedikts Bruder Robert liiert, hat sogar ein Kind mit ihm. Dennoch kommen sich die beiden immer näher. Robert ahnt davon wenig. Er freut sich einerseits, den lange vermissten Bruder wieder bei sich zu haben, hat aber andererseits Angst, dass er bald – zumindest in beruflicher Hinsicht – wieder in Benedikts Schatten stehen wird, aus dem er sich in den vergangenen Jahren mühsam herausgekämpft hat. Er hat nämlich die elterliche Wirtschaft übernommen, als Benedikt nach Berlin verschwand. Nach einem krankheitsbedingten Ausfall bietet sich ihm Benedikt immer offensiver als Aushilfskoch an. Aber Robert wehrt sich, obwohl seine Not angesichts des bevorstehenden Dorffests immer größer wird. Laura schließlich, eine alte Jugendfreundin von Benedikt, entdeckt in Benedikt die Möglichkeit, versuchsweise das sexuelle Doppelleben zu beenden, das sie führt.
In der Annäherung zu Benedikt zieht Annette im letzten Moment die Notbremse und entscheidet sich für Robert. Stocker muss einsehen, dass er seine Frau endgültig verloren hat. Benedikt will den Ort wieder verlassen, aber Vorwürfe von Laura, die beim Unfall im Auto saß, halten ihn zurück und treiben ihn in das Zelt des Dorffests. Robert bräuchte ihn dort mehr denn je, wehrt sich aber diesmal sogar körperlich gegen Benedikts Hilfe. Er wirft ihm vor, Robert nach dem Unfall in Stich gelassen zu haben – als Beifahrer bei dem tödlichen Unfall empfindet Robert eine Teilschuld. Die Versöhnung der Brüder wird verhindert, weil sie ein Schuss ins Zelt ruft: Stocker will vor den Augen seiner Ex-Frau Selbstmord begehen. Benedikt und der Zufall halten ihn davon ab.
Monate später scheint sich der Alltag zu normalisieren. Die sechs Menschen aus Baching versuchen, anders mit der gemeinsamen Wunde umzugehen.
Die Frau des Therapeuten
Ehefrau scheitert an der schönen Patientin ihres Mannes, die mit unglaublicher Raffinesse und aberwitzigen Aktionen ihren Therapeuten verführen und dann zerstören will. – Eine Liebesgeschichte am Rande des Wahnsinns und ein exzentrischer Blick auf das Leben zwischen Therapie und Praxis.
Der Paartherapeut Mathias Bosse wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, seine Frau Eva – blutverschmiert – an seiner Seite.
Rückblende: Eva, bis vor kurzem beruflich sehr engagiert, ist arbeitslos und auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Ihr Sohn Ben ist unbemerkt zu einem lässig pragmatischen Teenager geworden und ihr Mann Mathias führt eine florierende psychotherapeutische Praxis und schreibt ein Buch. Da taucht die geheimnisvolle Patientin SARTORIUS auf. Nachts ruft sie an, dann findet Eva einen Liebesbrief an ihn und beobachtet, wie die Schöne dem Therapeuten folgt. Verwirrenderweise trägt sie die gleiche Bluse, die Mathias Eva zuvor geschenkt hatte. Ähnlich zunächst seltsam Unverständliches wird sich wiederholen. Eva beginnt, das Verhältnis der beiden zu erforschen.
Die lebenshungrige Sartorius hat es tatsächlich auf den Therapeuten abgesehen. Ihre Aktionen werden immer spitzfindiger, ihre Kleider immer kürzer. Und je deutlicher der Therapeut ihr Grenzen setzt, desto größer ist der Kick für sie, ihn zu kriegen. Bald wird sie sich die Kleider vom Leib reißen, auf sich selber einschlagen und sich verletzen; Mathias schreitet ein und Sekretärin ROSI findet die beiden auf dem Boden liegend. Mathias beendet die Therapie. Prompt flattert eine Klage wegen sexuellen Missbrauchs ins Haus.
Eva will mehr über die männerfressende „Borderlinerin“ wissen. Die Frauen treffen aufeinander und verfolgen sich zunehmend gegenseitig. Sie agieren dabei fast wie Schwestern, auch benennt jede sich (anderen gegenüber) „zufällig“ mit dem Namen der Anderen. Ein Verwirrspiel läuft ab, eines, bei dem die beiden wie in deckungsgleich verkehrten Rollen sowohl gegen als auch miteinander „spielen“, ohne sich zu erkennen zu geben. Sartorius benutzt Eva fast wie eine Komplizin und Eva bietet sich ihrem Mann wie eine Camouflage seiner Patientin an. Mathias bemerkt zu spät, wie tief die Sartorius bereits in seine Familie eingedrungen ist und Eva unterschätzte ihre „Krankheit“. Sartorius schafft es dann doch noch, Mathias in ihre Wohnung zu locken: sie verführt seinen Sohn. Ben ist verknallt. Mathias rastet aus. Die Situation eskaliert und Mathias wird mit Handschellen von der Polizei abgeführt werden, während Eva Ben rettet und der verzweifelte Lebensgefährte der Sartorius die Praxis abfackelt, bevor er dann mit seinem Wagen auf Mathias zurast. (Er glaubt, seine geliebte Freundin sei wegen der Vergewaltigung durchgeknallt, deren Klage abgewiesen wurde.)
Mathias fällt ins Koma. Eva weicht nicht mehr von seiner Seite. Und als er wieder aufwacht, drückt Frau Sartorius auf die Klingel des nächsten Therapeuten.
Beste Gegend
Ein Heimatfilm über's fort gehen und daheim bleiben, sich verlieben und sich verlieren.
Kati und Kris sind zwei Mädels aus Tandern, mitten in den bayrischen Hinterland-Hügeln. Es ist das Land der knallgelben Rapsfelder und dreiarmigen Strommasten.
Es ist Frühsommer 1996. Kati und Kris schreiben ihre letzte Abiturprüfung. Und dann? "Die große Freiheit".
Mit ihren geliebten 123er Benz fahren Kati und Kris zum 'Daumiller Berg' und besiegeln den Plan für ihr neues Leben: Eine Weltreise.
Kati ist gar nicht wohl bei dem Gedanken, ihre beste Gegend zu verlassen.
Und dann kommt Tom nach drei Jahren als Zimmerer auf der Walz nach Hause. Der australische Busch spiegelt sich noch in seinen Augen. Kati verliebt sich sofort.
Trotzdem fährt sie mit Kris los, auf Weltreise. Doch Kris' Opa stirbt, und sie müssen umkehren.
Wieder daheim muss Kati sich entscheiden: Mit Kris in die große Freiheit oder daheim bleiben.
Kati gleitet das Leben aus den Händen. Sie überwirft sich mit ihren Eltern, mit ihrer besten Freundin Kris und sogar mit Tom. Sie sieht nur noch einen Ausweg: Sie will mit ihrem Benz gegen einen Baum fahren. Doch in letzter Sekunde fährt sie vorbei.
Kris fliegt allein in die weite Welt, und Kati weiß endlich, wo sie hin gehört: In die beste Gegend.
Die andere Seite der Autobahn
Eine Mutter, die keine Liebe auslässt, eine Tochter, die keine Liebe zulässt. Komisches Drama.
Lina ist mit all der Liebe aufgewachsen, die im Umreis von 50 Kilometern zu haben war: zufrieden in ihrer Babyschale sitzend, während Gabi mit unzähligen Männern auf den Rücksitzen ihres Autos versuchte, die eine bestimmte Liebe zu vergessen.
Inzwischen ist Lina 14 und bezweifelt, dass ihrer Mutter das je gelang. Sie fühlt sich allein gelassen und leidet darunter, dass Gabi sie kaum noch wahrnimmt. Und deshalb hält sich Lina an der tröstlichsten Sache der Welt fest: der Quantenphysik. Die gibt Lina auch die nötige Kraft, als Gabi den Mann wieder trifft, den sie seit Jahren zu vergessen versuchte, und das Ganze in einem Desaster mitten auf der Autobahn endet - Lina sieht hilflos mit an, wie sich Gabi umzubringen versucht und anschließend von diesem Mann, der sich als Linas Vater herausstellt, dafür windelweich geprügelt wird. Welche Ironie, daß derweil glückliches Gelächter von der anderen Seite der Autobahn herüber dringt. Lina schließt lächelnd die Augen: nach den Gesetzen der Quantenphysik kann sie genausogut auf der anderen, der glücklichen Seite der Autobahn sein.
Ein paar Tage später hat Gabi beschlossen, das Ganze schnellstens zu vergessen, und stürzt sich schon in das nächste Liebesabenteuer. Lina hat beschlossen, etwas so Schrecklichem wie Liebe auf jeden Fall aus dem Weg zu gehen. Dann taucht Linas Vater wieder auf und macht beider Pläne zunichte. Gabi kann nicht mehr einfach vergessen, und Lina kann nicht länger vor der Liebe davonlaufen. Beide zahlen einen hohen Preis dafür, es dennoch zu versuchen. Am Ende aber gelangen sie tatsächlich auf die andere Seite der Autobahn. Sie selbst waren es, die damals da drüben so unverschämt glücklich gelacht hatten.
Mutterland
Exilrumänin nähert sich auf einer Reise ihrer fremd gewordenen Mutter an, und löst dabei das Rätsel um den Tod ihres Vaters. Drama.
Der Tod ihres Babys löst in Lena ein tiefsitzendes Schuldgefühl aus: Ihr Vater war achtzehn Jahre zuvor, kurz nach Lenas Flucht aus dem diktatorischen Rumänien, ermordet worden.
Lena entscheidet sich nach Bukarest zu fahren, um dort den Kontakt mit ihrer Mutter aufzunehmen. Der mysteriöse Tod des Vaters – politischer Mord oder Tod nach Raubüberfall - hatte dazu geführt, dass sich die beiden Frauen in all den Jahren nicht gesehen haben.
Diese Annäherung gestaltet sich als schwer – die Mutter lebt verarmt und verbittert in einem Plattenbau und pflegt ihren Vater, der, selbst ehemaliger Geheimdienstoffizier, nach Lenas Flucht seinen Posten verlor.
Doch Lena zeigt sich hartnäckig. Und ihre Mutter beginnt sich zu öffnen, obwohl jedes Treffen der Frauen einem Drahtseilakt gleicht, zwischen dem, was gewesen ist und dem Versuch, die Basis für eine normale Mutter-Tochter-Beziehung zu finden.
Lena taucht in die Welt ihrer Kindheit ein, Beziehungen zu verschiedenen Nachbarn leben auf. Zwischen Lena und ihrem Jugendfreund entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte.
Durch Äußerungen alter Nachbarsfrauen über eine Geliebte ihres Vaters und durch das Gespräch mit dieser Geliebten, beginnt Lena an der offiziellen Version über den Tod ihres Vaters zu zweifeln.
Mit dem Erfahrenen setzt sie ihrer Mutter zu, bis diese gesteht: Der Großvater brachte im Streit seinen Schwiegersohn um.
Zum ersten Mal nach achtzehn Jahren leben in Lena wieder Erinnerungen an ihren Vater auf.
Preisträger
Matthias Kiefersauer
Lobende Erwähnung
Karin Michalke
Jury: Prof. Andreas Gruber, Tankred Dorst, Eckhart Schmidt, Hubert von Spreti